Im Dialog mit André Marx

Der Drei ???-Rekord-Autor über Folge 125 und die Zukunft in Rocky Beach

André Marx: Rekordautor der Drei ??? (Foto: Arne Koehler)
André Marx: Rekordautor der Drei ??? (Foto: Arne Koehler)

André Marx ist der vermutlich kreativste Kopf und der heimliche Star im "Die drei ???"-Universum. Der in Berlin lebende Autor hat nicht nur die meisten Episoden der Kult-Serie verfasst, sondern auch die beliebtesten. Maßgeblich ist Marx dafür verantwortlich, dass die Reihe zwischenzeitlich wieder an das alte Niveau der 60er, 70er und frühen 80er Jahre anknüpfen konnte. Nach unglücklichen Modernisierungsversuchen in den 90ern, die zur Einstellung der Serie in den USA führten, gelang es Marx mit "Poltergeist" 1997 alte Serien-Elemente und den Charme der Klassiker geschickt mit modernen Komponenten zu verknüpfen und "Die drei ???" wieder auf Kurs zu bringen. Seinen Jubiläums-Dreierband "Feuermond" nutze er 2005, um in einer breit angelegten Geschichte den Figuren ungewohnte Konturen und Tiefe zu verleihen. "Feuermond" zählte selbst in kritischen Fankreisen schnell zu den beliebtesten Folgen überhaupt. In Zeiten, in denen die Marke "Die Drei ???" zunehmend von ökonomischen Interessen zerstört zu werden drohte, fühlte sich Marx stets dem Geist der Serie verpflichtet. Als einziger Kreativer kritisierte er Ende 2006 in einem ausführlichen Interview scharf die Vorgehensweise des Hörspiellabels EUROPA und dessen Mutterkonzerns Sony/BMG. In einem langwierigen Lizenzstreit versuchte man seinerzeit dem Kosmos-Verlag die Rechte an der Serie abzujagen und blockierte dadurch weitere Veröffentlichungen zwischen 2005 und 2008. Zwischenzeitlich stieg Marx sogar frustriert aus. Der Rechtsstreit habe ihn jahrelang davon abgehalten sich mehr als nötig Gedanken über "Die drei ???" zu machen: "Die gesamte Reihe bekam einen schrecklichen Beigeschmack, den sie für mich auch nie wieder vollständig losgeworden ist". Der folgende Wortwechsel mit André Marx fand kurz vor der Hörspielveröffentlichung von "Feuermond" im September 2008 statt.


PopSpots: Eingehend eine Frage zur aktuellen Veröffentlichung der Hörspielumsetzung von Feuermond. Wirst du als Autor zu den von Oliver Rohrbeck organisierten Record-Release-Partys wie jetzt in Berlin eingeladen oder gibt es seit dem Rechtsstreit und deinen klaren Worten damals im Interview auf rockybeach.com keinerlei Berührungspunkte mehr zwischen dir und den Kreativen bei Europa und Sony/BMG?

 

André Marx: Du triffst mit Deinen Fragen natürlich genau ins Schwarze. Früher bin ich in der Tat hin und wieder zu solchen Veranstaltungen wie der Record-Release-Party eingeladen worden. Für das Event in Berlin, das zum Hörspiel-Erscheinen von "Feuermond" steigen soll, habe ich keine Einladung bekommen. Zum einen liegt das vielleicht daran, dass das ja ein recht teures Ding ist, mit großem Menü und ganz exklusiv und so ... da kann man nicht mal einfach so 'ne Freikarte raushauen. Zum anderen mag es mit meinem damaligen Interview auf der rocky-beach.com liegen, mit dem ich mir nicht nur Freunde gemacht habe. Zum dritten kann es aber auch sein, dass die Menschen, die bei und für BMG arbeiten, inzwischen nicht mehr wissen, wie sie mich einschätzen sollen. Was ich ihnen nicht verdenken kann, ich könnte es an ihrer Stelle auch nicht. So oder so: Ich kann gut damit leben, nicht eingeladen zu werden.

 

Als bekannt wurde, dass die kommende Record-Release-Party eine aufwändigen Jubiläums-Inszenierung mit stolzen Eintrittspreisen werden würde, wurde ja schon kurz über eine etwaige Kollaboration mit dir und den Sprechern in Form einer wie auch immer angelegten Live-Performance Lesung+Hörspiel gemutmaßt. Wäre so etwas vor dem Rechtsstreit theoretisch möglich gewesen oder hat man bei Europa schon immer sein eigenes Süppchen gekocht? Hattest du jemals engeren Kontakt zu den Sprechern?

 

Ich war schon mal auf einer Pre-Listening-Party, und da hat Oliver Rohrbeck mich auch auf die Bühne gebeten und ein wenig mit mir geplaudert, das fand ich sehr nett damals. Diese Veranstaltungen wachsen ja auch nicht auf Europas Mist, sondern wurden von Oliver ins Leben gerufen. Wir (also die Sprecher und ich) haben uns alle Jubeljahre mal bei irgendwelchen Events getroffen und uns ein wenig unterhalten, und ich finde die Jungs sehr nett. Aus der Nähe betrachtet haben die Sprecher und die Autoren aber sehr viel weniger gemeinsam, als man glauben mag. Buch und Hörspiel, das sind zwei völlig unterschiedliche Welten, wir arbeiten mit ganz anderen Leuten zusammen, investieren ganz unterschiedlich viel Zeit in die drei ???, und es gibt unterm Strich eigentlich kaum Berührungspunkte. Ich glaube, auch das ist ein Grund dafür, dass immer schon alle ihr eigenes Süppchen gekocht haben, sowohl auf Kosmos- als auch auf Europa-Seite. Wir haben, was die Arbeit angeht, einfach kaum Gemeinsamkeiten. Und dafür kann der Rechtsstreit nun mal ausnahmsweise gar nichts.

 

Mit André Minninger überlappen sich ja die Welten von Kosmos und Europa. Gab oder gibt es von seiner Seite aus Rückmeldungen oder Fragen an dich bezüglich seiner Arbeit an den Hörspiel-Skripts?

 

Zu André Minninger hatte ich früher Kontakt, aber der ist im Sande verlaufen. Rückfragen bezüglich seiner Hörspielbearbeitungen gab es früher hin und wieder, inzwischen aber auch nicht mehr.

 

Hast du die Befürchtung, dass man "Feuermond" als Hörspiel ähnlich stark zusammen gekürzt werden könnte wie das zuletzt öfter bei anderen Büchern? Hast du dir diesbezüglich als etablierter Autor inzwischen ein dickeres Fell zugelegt?

 

Mit der Hörspiel-Umsetzung von "Feuermond" werde ich gut leben können, egal wie sie ausfällt, denn ich werde sie mir nicht anhören. Die Hörspiele interessieren mich ganz einfach nicht. Ich bin da also vollkommen gelassen.

 

Ist deine distanzierte Haltung gegenüber den Hörspielen noch auf die Nachwehen des Rechtsstreits zurückzuführen oder hast du seit jeher keine Hörspiele gehört?

 

Ich habe sie früher gehört, habe aber schon lange vor dem Rechtsstreit damit aufgehört.

 

Bist du gar nicht neugierig, die Umsetzungen deiner eigenen Geschichten zu hören? Ärgert es dich, wenn Leute ohne Kenntnis der Bücher dich als Autoren kritisieren, obwohl sie nur eine evtl. mäßige Hörspielvariante kennen?

 

Früher war ich natürlich wahnsinnig neugierig auf die Hörspielumsetzungen und konnte es gar nicht abwarten, sie zu hören. Aber im Laufe der Zeit wird das halt immer weniger spannend. Es gibt verschiedene Gründe, warum ich die Hörspiele nicht mehr höre, es geht nicht darum, dass ich alles schlecht finden würde. Aber die Hörspiele sind auch ein Teil meiner Kindheit, und in den letzten zehn Jahren sind die Grenzen zwischen Kindheitserinnerungen, Hobby und Beruf oftmals auf ganz ungute Weise verschwommen, und das war nicht immer ganz einfach.

 

Ich merke gerade: Es ist auch überhaupt nicht einfach, das zu erklären. Ich versuche es trotzdem: Die drei ??? besetzen ganz unterschiedliche Nischen in meinem Kopf. Ich kann mir "Das Gespensterschloss" als Hörspiel anhören, ohne dass ich ein einziges Mal dabei an meinen Job denken muss. Ich kann auch ein neues drei ???-Buch schreiben, ohne dass ich ein einziges Mal daran denke, wie ich früher als Kind selber die Bücher gelesen und mir eigene Geschichten ausgedacht habe. Und das ist auch gut und richtig so, denn aus meinen nostalgischen Erinnerungen kann ich Kraft schöpfen. Wenn sich das alles aber vermischt, wird es schwierig. Dann sehe ich plötzlich "Das Gespensterschloss" mit den Augen eines Erwachsenen, und mir fällt auf, was für eine bekloppte Story das doch eigentlich ist, und das darf eigentlich nicht passieren, denn bekloppt hin oder her - als Kind hat mir diese Geschichte etwas bedeutet, und ich darf das Gefühl dafür nicht verlieren, weil ich genau dieses Gefühl anzapfen muss, um Geschichten erzählen zu können, die den Kindern von heute vielleicht Spaß machen.

 

Jedenfalls: Es bringt mich überhaupt nicht weiter, wenn ich neue Hörspiele höre. Ich bin irritiert, meine eigenen Dialoge zu hören, ich sehe inzwischen auch nicht mehr Justus Jonas vor meinem inneren Auge, sondern Oliver Rohrbeck, ich ärgere mich womöglich über meine eigene Geschichte oder über die Umsetzung, und ich verliere den Kontakt zu meinem "inneren Kind", und das ist alles überhaupt nicht gut. Ich würde mich dann auch vielleicht schon beim Schreiben fragen: "Wie setzen die das wohl im Hörspiel um? Soll ich diese Szene nicht vielleicht anders aufbauen, damit sie fürs Hörspiel einfacher wird?" Und damit würde ich mich ja nur selbst beschneiden, das will ich verhindern. Deshalb habe ich schon vor Jahren damit aufgehört, mir das Zeug anzuhören.

 

Und wenn Leute sagen: Hörspiel XY von Marx finde ich doof, dann sind da meistens genug andere Leute, die diesen Menschen darauf hinweisen, dass das Buch unter Umständen ganz anders ist. Ich muss mich dazu gar nicht äußern. Und mir sagt ja auch selten jemand ins Gesicht, dass er eine Geschichte von mir doof findet. Wobei ich damit kein Problem hätte. Jeder Mensch darf so viel von mir doof finden, wie er will. Er darf es mir auch sagen. Wenn er sich allerdings aufs Hörspiel bezieht, kann ich nur die Schultern zucken und sagen: Damit habe ich nichts zu tun. Und das stimmt ja auch.

 

Manche deiner Erfahrungen mit den Hörspielen dürften aber auch für viele Hörer nachvollziehbar sein, die nicht beruflich involviert sind. Spätestens seitdem die Sprecher in die Öffentlichkeit getreten sind (mit Live-Tour, TV-Auftritten, öffentlicher Promotion etc.), ist der Zauber ja eigentlich dahin. Viele der erwachsenen Nostalgiker können damit sicher umgehen, weil das Relikt aus Kindheitstagen damit für sie noch mal auf einer anderen Ebene als eine Art Selbstparodie erlebt werden kann aber für Kinder ist ein unbefangener Umgang mit der Serie doch eigentlich nur über die Bücher möglich.

 

Dass die Sprecher live auftreten, sei ihnen unbenommen. Es macht bestimmt Spaß, und ich würde es an ihrer Stelle vielleicht auch tun. Wer Angst hat, das könnte ihm "seine" Serie kaputtmachen, der muss ja nicht hingehen. Aus genau solchen Gründen habe ich mich ja entschlossen, keine Hörspiele mehr zu hören. Kinder sehen das mit den Live-Auftritten wahrscheinlich vollkommen gelassen. Ob sie nun hingehen oder nicht - das ändert sicherlich gar nichts an ihrer "Unbefangenheit", denn so sind Kinder nun mal - unbefangen. Ob sie nun Bücher lesen, Hörspiele hören, Filme oder Live-Shows sehen, wird daran nichts ändern.

 

Womit wir bei der Frage nach der Zielgruppe wären. Du sagst, dass du explizit Geschichte erzählen willst, die auch Kinder von heute spannend finden können. Du hast also beim Schreiben eines Buches nicht jene 25 – 35 Jährigen Nostalgiker im Kopf, die in Massen zu den Hörspielveranstaltunge pilgern? Gibt es deiner Meinung nach überhaupt noch eine breite nachwachsende ???-Generation? Bei jüngeren Episoden von dir hat man das Gefühl, dass verstärkt auch komplexere Themen behandelt werden, die sich an etwas ältere Leser wenden, während die regelmäßig erscheinenden Fußball-Folgen eher mit einem sehr jungen Publikum kokettieren. Fährt man da beim Verlag bewusst zweigleisig oder ist das Zufall? "Das versunkene Dorf" ist ja schon sehr düster und recht harter Tobak im ???-Kosmos, wobei du auch hier wieder Innovationen eingeführt hast, die der Serie sehr gut tun. 

 

 

Ich habe natürlich beide Zielgruppen im Kopf. Aber der Witz ist ja: Die erwachsenen Fans wollen eigentlich gar nichts Erwachsenes, sie wollen Geschichten, die das drei ???-Gefühl von damals wieder aufleben lassen, und das sind nun mal in der Regel Kindergeschichten. Dass die Inhalte der Bücher insgesamt trotzdem etwas erwachsener geworden sind, hat glaube ich andere Gründe. 1. Die Figuren sind älter geworden. 2. Es gibt die drei ???-Kids-Ablegerreihe, die die kindlicheren Themen abdeckt. 3. Wenn man irgendwas mit Erbschaften, Rätselbotschaften und Spukerscheinungen machen will, dann muss man sich schon sehr anstrengen, um diese Themen neu und interessant zu gestalten.

 

Das führt dazu, dass man den Horizont des drei ???-Universums nach und nach Stück für Stück erweitert, und so schleichen sich hier und da schon mal etwas erwachsenere Ansätze ein. Trotzdem glaube ich, dass auch ein Buch wie "Das versunkene Dorf" für einen Elfjährigen funktioniert, wenn auch vielleicht anders, als bei einem erwachsenen Fan. "Bewusst zweigleisig" fährt jedenfalls niemand, das ist eine Mischung, die sich ganz von allein ergibt.

 

Die nachwachsende Generation gibt es! Nach wie vor kennt beinahe jedes Kind die drei ???. Und man sieht es auch am riesigen Erfolg der drei ???-Kids. Die werden ja nun wirklich kaum von den Alt-Fans gelesen, weil sie nicht zur "ihrer" drei ???-Welt gehören. Aber Kinder lieben diese Serie und steigen dann sehr häufig, wenn sie sich zu alt für die "Kids" fühlen, auf die Classic-Serie um. Man nimmt sie nicht so wahr, weil sie eine eher schweigende Masse sind - so wie wir damals. Es sind ja nur die erwachsenen Fans, die lautstark im Internet und sonstwo über alles Mögliche debattieren. Aber das verzerrt das Gesamtbild.

 

Ist der Umfang der Bücher ein Problem? Der hält sich ja weiterhin in jugendkonformen Grenzen, während auf narrativer Ebene komplexere Themen eigentlich immer öfter einer ausführlicheren und differenzierteren Figurenzeichnung bedürften. Auch bei Astrid Vollenbruchs "Geisterzug" werden eher nebenbei hochdramatische psychologische Abgründe eines ganzen Dorfes angerissen und sozialkritische Untertöne beigemischt. Das ist sicher schwierig, auf so engem Raum unterzubringen.

 

Zur Platzbegrenzung ist zusagen, dass es wunderbare, komplexe, vielschichtige und tiefschürfende Bücher in der Weltliteratur, die nicht dicker sind als 120 Seiten. Geht alles. Natürlich ist es eine Herausforderung, komplexe Geschichten auf so wenigen Seiten unterzubringen. Aber auf der anderen Seite ist es auch wieder ganz einfach: Man lässt einfach alles Unnötige weg.

 

Sind die bei Erwachsenen eher verpönten Sportfolgen eigentlich vom Verlag in dieser Regelmäßigkeit ausdrücklich erwünscht oder liefern die Autoren nur zufällig immer mal wieder welche ab? Hast du auch schon mal mit dem Gedanken gespielt eine zu schreiben?

 

Der Verlag wünscht sich schon regelmäßig welche (wenn auch nicht zu viele). Was ganz einfach daran liegt, dass sie sich wie bescheuert verkaufen. Auch wieder ein Beweis dafür, dass die Leserschaft nicht mit den erwachsenen Fans gleichzusetzen ist. Ob sich dann ein Autor bereiterklärt, eine Sportfolge zu schreiben oder nicht, liegt natürlich am Autor. Es wird ja niemand zu irgendwas gezwungen. Ich schreibe deshalb keine Sportfolgen, weil ich mich mit Sport nicht auskenne und mir da gar nichts einfallen würde. So einfach ist das.

 

Kommen wir zu Feuermond. Es war ja ein Novum, dass eine Episode inhaltlich auf einer vorherigen aufgebaut wurde. Feuermond ist zwar keine direkte Fortsetzung von Das Erbe des Meisterdiebs, aber zumindest die Figurenkonstellation wird weiter geführt. Das hat zusätzlich Raum für die Story geschaffen, weil du die Nebenfiguren übernehmen konntest, aber es setzt Vorkenntnisse beim Leser voraus. Das wurde bis zu diesem Zeitpunkt stets vermieden. War es schwierig, den Verlag von dieser Idee zu überzeugen?


Victor Hugenay ist ja schon früher aufgetaucht, insofern ist das jetzt nicht so ein großes Novum. Und dass noch eine andere Figur wieder auftaucht - ich hoffe, ich habe es so geschrieben, dass auch jemand, der "Das Erbe des Meisterdiebs" nicht kennt, begreift, worum es geht. Es gibt ja durchaus öfter mal Querverweise auf ältere Bücher. Man muss halt immer darauf achten, dass es trotzdem noch allgemein verständlich ist. Überzeugen musste ich jedenfalls niemanden. Aber das tue ich ohnehin nie. Ich schreibe einfach. In der Regel verrate ich dem Verlag vorher nicht, was ich schreibe. Dann kann nämlich auch niemand was dagegen sagen, ganz einfach.

Regelmäßig auftretende Figuren gibt es öfter aber in Feuermond werden ja auch beispielsweise die Konflikte zwischen Justus und Britanny und den Drei Fragezeichen und Wilbur Graham fortgeführt. Es ist zumindest ein Vorteil, wenn man das andere Buch kennt, weil sonst das ein oder andere „Aha-Erlebnis“ ausbleibt. Ich fand das Vorgehen vor allem deshalb gut, weil du die Geschichte so breiter anlegen konntest.

Stimmt, dass ein Konflikt eine direkte Fortsetzung erfährt, ist neu. Ich hatte nach dem "Meisterdieb" das deutliche Gefühl, dass zu dem Thema noch nicht alles gesagt worden ist, also habe ich mich einfach an die Geschichte drangehängt und sie weitergesponnen. Um Neulesern den Einstieg zu erleichtern, habe ich den Zeitungsartikel reingebracht, das wahrscheinlich am häufigsten umgeschriebene Stück Text, das jemals von mir gedruckt worden ist. Ich denke, man kann dem Buch gut folgen, ohne den "Meisterdieb" gelesen zu haben. Und wenn man dadurch vielleicht sogar ein bisschen neugierig auf den "Meisterdieb" wird - umso besser.

Wie kamst du auf die Idee mit der Anamorphose? Hat du ein besonderes Interesse an Kunst oder hast du dich nur für die Arbeit an den Büchern damit befasst?

Auf die Anamorphosen bin ich gar nicht gekommen, sondern meine Lektorin Martina Zierold. Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam. Mir war klar, dass es irgendwie um Gemälde geht, und es musste natürlich irgendein Rätsel her, und ich glaube, ich klagte ihr mein Leid, dass mir langsam die Rätselideen ausgehen. Dann sagte sie: Hast Du schon mal was von Anamorphosen gehört? Hatte ich nicht, also erklärte sie mir, um was es sich handelt, und mir war sofort klar: Das baue ich ein!

Wäre toll gewesen, wenn man die Anamorphose auch noch bei der Cover-Illustration eingebaut hätte, wobei auch die jetzige gelungen ist. Hast du da eigentlich ein Mitspracherecht?

Ich habe offiziell kein Mitspracherecht, auch nicht bei der Titelformulierung, aber ich kann natürlich Vorschläge machen. Das "Feuermond"-Cover basiert z.B. auf einer Skizze von mir.

Gab es schon alternative Titelvorschläge von dir, die dann vom Verlag abgelehnt wurden?

Alternativvorschläge, die abgelehnt wurden, gibt es einige. Mit dem Titel "Der geheime Schlüssel" war ich z.B. nicht sehr glücklich, mein Vorschlag wäre "Das Geheimnis des Spielzeugmachers" gewesen. Aber das war dem Verlag a) zu kindlich und b) zu lang. Und wegen "Feuermond" gab es damals eine endlose Debatte. Mein Ur-Vorschlag lautete "Götterdämmerung" (zu erwachsen), gefolgt von "Feuersturm" (zu militant). Ein Kosmos-Vorschlag lautete "Flammen über Rocky Beach", was ich wiederum ganz grauenhaft fand. Wir einigten uns schließlich auf "Feuermond".

Sehr interessant, die Alternativen zu hören! "Flammen über Rocky Beach" wäre wirklich ein grusliger Name gewesen! Klingt eher nach TKKG. Hieß demnach das Gemälde im Buch zunächst auch "Götterdämmerung"?


Der Autor hat in der Regel bei der Titelfindung nicht viel zu sagen. Er kann natürlich einen Vorschlag machen. Und wenn dieser Vorschlag nicht total daneben ist, stehen die Chancen auch gut, dass er genommen wird. Aber rein rechtlich gesehen kann der Verlag da schon weitgehend machen, was er will. Bei irgendwelchen großen Tieren mag das anders aussehen, aber der gewöhnliche Wald-und-Wiesen-Autor muss sich am Ende fügen. Ja, das Gemälde Feuermond hieß ursprünglich Götterdämmerung.

Du hast 1997 dein erstes Buch veröffentlicht. Zeitgleich gab es einen neuerlichen Boom der Serie. Wie hast du das erlebt bzw. worauf führst du den zurück? Ich habe das Gefühl, dass du da den nötigen frischen Wind rein gebracht hast und das zu dieser Zeit viele alte Fans über das Internet ihre alte Liebe zu der Serie wieder entdeckt haben. Wie hat sich das au deiner Perspektive dargestellt?

Damals, 1997, deutete sich der neue drei ???-Boom erst langsam an. Richtig in Fahrt kam die Geschichte für mich aber eigentlich erst 2001 mit dem Erscheinen von Band 100. Da hat sich erstmals auch die Presse für die drei ??? interessiert. Das Internet entwuchs seinen Kinderschuhen und wurde zum Massenmedium. Und das Vollplaybacktheater avancierte vom Geheimtipp zum Phänomen. Schließlich kamen dann auch noch die Live-Auftritte der Sprecher hinzu. Ob ich damit auch was zu tun habe, kann ich schlecht beurteilen, da musst Du andere Leute fragen. Das Internet und das Jubiläum stellen für mich die Hauptgründe dar.

Du lässt selbst immer wieder durchblicken, dass das Sujet der Serie langsam ausgereizt ist und es immer schwieriger wird, auf Grundlage der ursprünglichen Ausgangsidee neue Geschichte zu kreieren. Nach 140 Folgen auch mehr als verständlich. Wie siehst du die Zukunft der Drei Fragezeichen allgemein und bezüglich deines Engagements?

Der Zukunft der drei ??? sehe ich eigentlich sehr positiv entgegen. Die Reihe hat eine sehr stabile und große Fanbase, die auch ständig nachwächst. Und solange immer wieder frische Autoren nachkommen, geht der Serie auch so bald nicht die Puste aus, glaube ich. Mir selbst schon ein bisschen. Was mich aber nicht daran hindert, demnächst an einem größeren drei ???-bezogenen Projekt mitzuarbeiten, das aber NICHT der 150. Band sein wird. Ob und wann ich mal wieder einen normalen Band schreiben werde, wird sich zeigen.