The Ben Miller Band (Foto: Christian Dueringer)

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Als gefeierter Support von ZZ Top in Nordamerika und Europa wurde die Ben Miller Band im letzten Jahr einem großen Publikum bekannt. Ein Plattendeal bei New West Records war die Folge. Nun stehen die drei Bartträger aus Joplin/Missouri mit ihrem neuen Album ANY WAY, SHAPE, OR FORM in den Startlöchern. Bens Karriere begann aber schon vor über zehn Jahren und unter anderem spielte dabei ein kleines Uni-Städtchen in Hessen eine große Rolle. Lest hier die komplette Story von den Anfängen bis heute. 

Aus dem Herzen der Ozark Mountains

Fährt man von Westen kommend die "Route 66" durch Oklahoma, durchquert man anschließend für einige Meilen den südöstlichsten Zipfel von Kansas, bevor man die Staatsgrenze von Missouri passiert. Willkommen in Joplin, willkommen in den Ozark Mountains! Die Hochebene im Herzen der USA umfasst den gesamten Süden Missouris, das nordwestliche Arkansas und reicht im Osten bis in den Norden Oklahomas hinein. Viel Wald und viele Kirchen gibt es hier. Und viel Musik.

 

Auch wenn die Ozarks nicht ganz so viele einflussreiche Künstler hervorbrachten wie die Staaten der Appalachen im Osten, blickt man hier auf eine lange Musiktradition zurück. Fiedler und String-Bands prägten seit jeher die Gemeinschaft. Unzählige Folk-Traditionals sind hier beheimatet und der Square Dance ist noch heute ein wichtiges soziales Ereignis.

 

Drüben im Springfield, keine 70 Meilen östlich von Joplin, lud einst Country-Legende Red Foley zum "Ozark Jubilee", der ersten landesweit ausgestrahlten Country-Show im Fernsehen zur besten Sendezeit. Mit Auftritten etablierter Künstler und regelmäßig bis zu neun Millionen Zuschauern forderte man nicht nur die Szene in Nashville heraus, sondern bot auch eine Plattform für junge Talente. Darunter etwa der ebenfalls aus den Ozarks stammende Porter Wagoner. 

Joplin ist die Heimat der Ben Miller Band. Und die Ozarks sind ihr Revier. Seit 2004 sind sie zunächst kreuz und quer mit ihrem Van in heimischen Gefilden unterwegs und spielen fünf Shows pro Woche, unermüdlich in jedem sich bietenden Club. In Eigenregie veröffentlichen sie in den kommenden Jahren drei Alben und touren schließlich auch außerhalb der Region durch die USA. 2013 packen schließlich niemand geringere als die Bluesrock-Legenden von ZZ Top Ben Miller mit seinen Mitstreitern in ihr Vorprogramm für Nordamerika und Europa. Eine weitere Zusammenarbeit ist geplant.  

Ben Miller im Molly Malone's in Marburg, 2003 (Foto: Christian Düringer)
Ben Miller im Molly Malone's in Marburg, 2003 (Foto: Christian Düringer)

Lehrjahre in Seattle, Schweden und Deutschland

Doch beginnen wir die Geschichte einige Jahre früher. Im Sommer 2002 verschlägt es Ben Miller nach einem abgebrochenen Kunststudium von Philadelphia nach Seattle. Sechs Stunden nordöstlich von hier in Curlew an der kanadischen Grenze wuchs er auf. Seine Mutter lebt heute noch dort. In Seattle jobbt er als Kellner und wohnt in seinem alten Van. Wenn es gut läuft, kommt er auf dem Sofa von Freunden unter. In jeder freien Minute malträtiert er nun seine Gitarre mit Bottleneck-Slides. Bei seinen Gastgebern revanchiert er sich mit spontanen Shows auf der Veranda. Zunächst dominieren noch Coverversionen von Tom Waits, Nirvana, Johnny Cash oder Beck sein Repertoire. 

Im darauf folgenden Jahr zieht es Miller mit seiner Freundin, einer Studentin aus Europa, nach Schweden und Deutschland. Ohne Sprachkenntnisse findet er keinen Job und Fernsehen schauen macht auch wenig Spaß, wenn man nichts versteht. Viel Zeit also, um den Blues spielen zu lernen und sich mit den musikalischen Vorbildern zu beschäftigen. Stapelweise leiht er sich Literatur zum Thema aus Uni-Bibliotheken aus.

 

Seinen Anteil zur Miete verdient er mit Straßenmusik. "Ich habe einfach Musik gehört und stundelang Gitarre gespielt. Habe versucht nachzuspielen was ich gehört habe", erzählt Miller. "Ab einem bestimmten Punkt war ich dann gut genug, um auf der Straße zu spielen. Es war zunächst ziemlich unheimlich mich da quasi den Wölfen auszuliefern. Aber als ich den Schritt gemacht habe, war ich froh. Ich hatte zwar nur um die 20 $ in ein paar Stunden gemacht, aber ich hatte das Gefühl, es gepackt zu haben." 

Von Marburg in die Ozarks

Selbstportrait, Ausschnitt eines Konzert-Flyers (2003)
Selbstportrait, Ausschnitt eines Konzert-Flyers (2003)

Im hessischen Marburg wird er zunächst unter dem Pseudonym "Spooner Daytona" zum Kopf einer Gruppe ansässiger Musiker, die fortan das wöchentliche Open-Stage-Programm im Irish Pup Molly Malone's stemmen. "Spooner & Friends" steht auf den Plakaten, die schnell viele neugierige Studenten ins "Molly's" locken.

Mit zunehmender Bühnenerfahrung steigt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Miller feilt weiter an seinem Talent, beginnt eigene Songs zu schreiben und entwickelt mehr und mehr seinen eigenen Stil, der keinen Hehl mehr aus seiner Leidenschaft für traditionellen Delta Blues, Country, Folk und Gospel macht.


Anfang 2004 zieht es ihn zurück in die Staaten. In Joplin jobbt er zunächst bei Wal-Mart und kümmert sich um seinen kranken Vater, der hier seit vielen Jahren lebt. Als ein befreundeter Musiker aus Deutschland zu Besuch kommt, kündigt der inzwischen 25-jährige und tourt durch Oklahoma, Arkansas, Louisiana und Mississippi. Dabei nimmt er jede sich bietende Open-Mic-Session wahr.


"Ich musste dorthin gehen, um es zu verstehen", erzählt Miller über seine Pilgerreise auf den Spuren seiner Blues-Vorbilder wie Charles Patton, Robert Johnson oder Bukka White. "Einfach um zu sehen wie heiß und feucht es dort ist, wie die Leute laufen und reden, was sie essen, welche Käfer in der Luft sind – all diese Dinge, die mein Bild untermauern. Das Bild, das ich von der Musik habe, die ich so liebe."

Die Ben Miller Band geht an den Start

Ben Miller Band 2013 (Foto: BMB)
Ben Miller Band 2013 (Foto: BMB)

Wieder zurück in Joplin, widmet sich Miller voll und ganz der Musik. Bei einem Auftritt in Neosho, etwa 25 Meilen südlich von Joplin, trifft er schließlich eines Abends auf Doug Dicharry und Scott Leeper. "Ich hatte einige Freunde in Neosho", erinnert sich Dicharry. "Sie sagten mir, ich solle doch unbedingt mit meiner Posaune vorbeikommen. Hier sei dieser unglaubliche Blues Gitarrist. Scott war auch da und hatte seinen Washtub Bass dabei. Das passte. Es hat einfach 'klick' gemacht!" Auch die anderen beiden hängen ihre Jobs an den Nagel und machen sich als "Ben Miller Band" in der regionalen Szene der Ozarks einen Namen.


Die unterschiedlichen musikalischen Einflüsse, die die Multiinstrumentalisten Miller, Dicharry und Leeper einbringen, lässt einen eigenwilligen Sound entstehen, der von stampfenden Rhythmen und rasant-pulsierenden Beats getrieben wird. "Es ist schwer zu definieren, für was unsere Musik steht. Sie ist enthusiastisch, energiegeladen und stilistisch nicht wirklich zu kategorisieren", weicht Miller der Frage nach Genreschubladen aus. Tatsächlich reflektiert die Band aus dem Südwesten Missouris ihren musikalischen Wurzeln vielfältig. Millers Delta Blues und Folk-Backround kopuliert auf der Bühne mit Leepers Country-Wurzeln und Dicharrys Vorliebe für Ska, Punk und Soul. Parallel wird der regionale Geist der Ozark-Mountains-Tradition beschworen.


Jimmie Driftwood (Tennessee Stud) höchstselbst scheint von seiner Wolke aus den ein oder anderen Fingerzeig zu geben. "Wir nennen es Ozark Stomp", versucht Dicharry schließlich der Melange aus Old Time Mountain Music, Blues, Folk, Bluegrass und dem schnellen, tanzbaren Südstaatensound des Zydeco doch noch einen Namen zu geben. Durch ein breites Instrumenten-Repertoire, das teilweise mit skurrilen, selbstgebauten Eigenkreationen aufwartet, zieht die Ben Miller Band vor allem live alle Register und macht ihre virtuose Bühnen-Performance bald zu ihrem Markenzeichen. Zahlreiche feste Engagements sind die Folge.


Slide-Guitars, Washboards, Harps, Banjos, Foot-Tamborines, Sackbutts, Mandolinen, elektrisch verstärkte Löffel, Trompeten, Posaunen, Washtub Bass, alles wird zu einem facettenreichen Klangbild integriert. Ein gleichzeitig anachronistisch wie erfrischend wirkender Schmelztiegel amerikanischer Musiktradition. "Wenn wir in einem Club spielen, dauert es nicht lange, bis sich diese ganz besondere Atmosphäre aufbaut", meint Leeper. "Drei Generationen kommen zu den Shows und tanzen zu unserer Musik. Es ist großartig."

Als Debüt ein Doppelschlag

Ben Miller in Hamburg 2013 vor 5000 Zuhörern als Support von ZZ Top (Foto: Christian Düringer)
Ben Miller in Hamburg 2013 vor 5000 Zuhörern als Support von ZZ Top (Foto: Christian Düringer)

Die Dynamik ihrer Konzerte und Festival-Auftritte ins Studio zu übertragen ist immer wieder eine Herausforderung. Auf dem Debüt Doppelschlag 1 TON und 2 TON von 2010 versammeln sich insgesamt 28 ausgefeilte Songs. Allesamt bühnenerprobte Eigenkompositionen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Nach der verheerenden Tornado-Katastrophe im Mai 2011 nahm die Band die Tribute-EP RECORD FOR JOPLIN auf, bevor 2012 das Album HEAVY LOAD folgte. Die Songs der Ben Miller Band handeln von persönlichen Erlebnissen oder erzählen einfach nur Geschichten. Das Vagabundenleben Millers liefert immer wieder Inspiration: "Ich glaube es ist ein brauchbares Leben", sagt der inzwischen 34-jährige. "Die Leute schauen oft auf einen herunter, wenn sie erfahren, dass man keinen festen Wohnsitz hat aber für mich scheint es der perfekte Weg zum Leben zu sein und es macht mich glücklich. Ich brauche nicht viel und ich habe eine Menge Freiheiten. Klar ist es oft auch eine Herausforderung aber Herausforderungen sind toll, wenn man machen kann was man wirklich will." 

Alle bisherige Aufnahmen wurden noch von der Band in Eigenregie gestemmt, ergeben aber bereits ein gewaltiges Repertoire hochkarätiger Songs. Ruhigere Stücke wie "Your Girl" oder "Dogface Boy" sind eher auf den Singer/Songwriter Ben Miller als auf die räudige Ozark Stomp-Combo zugeschnitten. Der wird allerdings so glänzend in Szene gesetzt, dass es keineswegs unangenehm auffällt, wenn die Band mal zurückgenommen nur den braven Backroundchor mimt, wie etwa bei der wunderschönen Banjo-Ballade "Iodine".

 

Vom charakteristischen Sound der Band bekommt man dann ein Bild, wenn die Handbremse gelöst wird. "Follow You Down", "From A Mine" oder "Get Right Church" sind die "Stampfer", die live für Furore sorgen. Wenn bei "Coochie Love" die Bläsersätze schmettern, kommen auch Dicharrys Vorliebe für Ska zum Ausdruck. In "The Prostitue Song" schildert Miller Eindrücke aus Amsterdam, wo er einst während seiner Europareise halt machte. "No Love For The Lonely" ist eine dunkle Western-Ode. Alles in allem eine anarchische Melange aus Blues, Folk, Mountain-Music, Bluegrass, Punk und Gospel-Klängen. 

Mit ZZ Top auf Tour und dann ein Plattenvertrag

Für die Ben Miller Band wird 2013 ein ereignisreiches Jahr. Die erwähnte Tour mit ZZ Top gerät zum Triumphzug. Selten punktet eine Vorband so schnell und so verlässlich wie es Miller, Dicharry und Leeper tun. Billy Gibbons ist so begeistert von den Jungs, dass er sie spontan ins Programm des Montreux Jazz Festivals einschleußt. Auf die Tour folgt ein Plattenvertrag mit New West Records. Als Label-Kollegen von Kris Kristofferson, Steve Earl und Jason Isbell nehmen sie schleißlich Anfang 2014 in Nashville ihren Nachfolger von HEAVY LOAD auf. An den Reglern saß mit Vance Powell jemand, der bereits mit Jack White, den White Stripes, Wanda Jackson, Willie Nelson und Kings of Leon zusammen gearbeitet hat. Eine echte Hausnummer also. Dazwischen begleiteten sie noch ihre Freundin Valerie June durch Europa.


Die Band löst mit ihrem teils herrlich verschroben-anachronistischen, dabei aber immer auch innovativen und inspirierenden Sound das Versprechen ihrer Konzerte ein und ringt dem musikalischem Erbe ihrer Heimat damit ein weiteres, neues Kapitel ab. Das Verschmelzen verschiedener Stile des amerikanischen Südens macht ihre Musik so spannend.

 

Millers Talent als Songwriter und sein Gespür für fein ziselierte Melodien in Kombination mit den pumpenden Arrangements und dem leidenschaftlichen Spiel seiner Band fesselt fern der Heimat jedes Publikum und ihre extraordinäre Performance auf der Bühne wird nie zum Selbstzweck: "We're not some kind of gimmick band," sagt Ben Miller. "Just because we use junk to make music doesn't mean we aren't serious about it. We are legitimately making real music, and when you hear us play I think you get that." Man darf gespannt sein. Das neue Album ANY WAY, SHAPE, OR FORM erscheint im August. Die ersten Live-Termine dazu stehen bereits. 

Im Sommer gibt es nochmal drei Deutschlandtermine mit ZZ Top:

20.6. Stuttgart

21.6. Köln

02.7. Saarbrücken


The Ben Miller Band (Foto: Christian Dueringer)
Ben Miller live in Zürich 2013 (Foto: Christian Düringer)
Die Ben Miller Band live in Saarbrücken 2014 (Foto: Christian Düringer)
Die Ben Miller Band live in Saarbrücken 2014 (Foto: Christian Düringer)