Hitchcock, Hermann, Bass - Das Vertigo-Prelude

Alfred Hitchcocks VERTIGO wird zum besten Film aller Zeiten gekürt, Filmkomponistenlegende Bernard Herrmann wäre unlängst 100 Jahre alt geworden und Lady Gaga zollt in ihrem Video zu "Born This Way" dem von Grafiker Saul Bass entworfenen Vorspann von VERTIGO ausführlich Tribut. Hitchcocks, Bass' und Herrmanns Vertigo-Prelude schrieb Filmgeschichte. Zeit für eine Analyse.     

VERTIGO gilt heute als eines der Herzstücke in Alfred Hitchcocks Filmographie. Anders jedoch als andere seiner bekannten Filme jener Epoche, wie REAR WINDOW, THE MAN WHO KNEW TOO MUCH oder NORTH BY NORTHWEST, die schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens von Feuilletons wie Publikum gleichermaßen geschätzt und verehrt wurden, brauchte VERTIGO eine lange Reifephase, um zum Klassiker zu werden. 

VERTIGO erzählt die Geschichte des wegen Höhenangst aus dem Polizeidienst ausgeschiedenen Detektivs Scottie Ferguson, der von einem Freund den Auftrag bekommt, dessen neurotische Frau Madeleine zu bewachen. Er verliebt sich in sie, kann aber ihren Selbstmord nicht verhindern. Von Schuldkomplexen traumatisiert begegnet er einer Doppelgängerin der Toten, versucht sie nach seinen Vorstellungen und Fantasien zu gestalten und der Verstorbenen anzugleichen und entdeckt schließlich, dass er einem Täuschungsmanöver zum Opfer gefallen ist.


Als VERTIGO 1958 in die Kinos kam, wurde er von den zeitgenössischen Kritiken überwiegend negativ bewertet und auch an der Kinokasse spielte Vertigo gerade einmal die Produktionskosten wieder ein. Erst in den 1970er Jahren bekam er durch ausführliche Analysen und Aufarbeitungen unter den Gesichtspunkten des komplexen psychologischen Seeledramas eines von Obsession getriebenen, nach den Illusionen einer erfüllenden Liebe strebenden Mannes, welches sich hinter der Kulisse einer vordergründigen Kriminalgeschichte verbirgt, einen neuen Stellenwert. Im August 2012 wurde der Film schließlich in dem alle zehn Jahre neu aufgelegten Rankings des Britischen Filminstituts von einer Expertenrunde zum besten Film aller Zeiten gekürt.  

Zwischen 1954 und 1960 festigte Hitchcock seine Zusammenarbeit mit einem bewährten Stab von Mitarbeitern. Dazu zählten Schauspielstars wie Cary Grant, James Stewart und Grace Kelly, die er über viele Jahre hinweg in verschiedenen Produktionen einsetzte, ebenso wie technische Mitarbeiter. Unter anderem waren der Editor George Tomasini, Kameramann Robert Burks und Vorspanndesigner Saul Bass an vielen Filmen dieser erfolgreichen Epoche in Hitchcocks Schaffensphase beteiligt. Eine weitere Zentrale Figur, die für den Erfolg Hitchcocks Werke aus jener Dekade mitverantwortlich ist, war der Filmkomponist Bernard Herrmann. 

Hitchcock arbeitete zuvor schon mehrmals mit anderen bekannten Hollywood Komponisten zusammen, wie z.B. mit Franz Waxmann (REBECCA, THE PARADINE CASE, SUSPICION) und Dimitri Tiomkin (SIAL M FOR MURDER, STRANGER ON A TRAIN, SHADOW OF A DOUBT), keine Zusammenarbeit währte jedoch so lange wie die mit Bernard Herrmann und keine anderen Kompositionen sind so eng mit Hitchcocks Filmen verflochten wie die von Herrmann. Am bekanntesten ist vermutlich der Score zu PSYCHO, besonders durch die eindrückliche, deskriptive Komposition während der Mordszene in der Dusche. Aber auch die Partitur zu VERTIGO ist besonders hervorzuheben. Zum einen nimmt sie einen im Vergleich mit anderen Hitchcock-Filmen ungewöhnlich großen Raum, vor allem in den langen, dialogfreien Passagen ein, zum anderen vermag der gesamte Soundtrack auch für sich, vom Bild losgelöst, musikalisch zur Interpretation von Gefühlen und Stimmungen, zu überzeugen. Die Zusammenarbeit mit Herrmann dauerte zehn Jahre und umfasste neun Filme, bevor es bei den Dreharbeiten zu TORN CURTAIN zum Zerwürfnis zwischen Hitchcock und Hermann kam. 

Der Vorspann von Vertigo deutet alles wesentlichen Handlungselemente an

Dem dreiminütigen Prelude von VERTIGO fällt eine gewichtige Rolle zu, wird der Zuschauer doch bereits an dieser Stelle, noch bevor der eigentliche Plot begonnen hat, mit den wesentlichen Motiven des Films aus der Perspektive des Helden konfrontiert und buchstäblich in die Handlung eingesogen. 

Höhenangst und Obsession, das Fallen und das Verfallen-Sein – die zentralen Handlungselemente werden von Saul Bass, damals Hollywoods wohl berühmtestem Titel-Designer, in einer einzigen graphischen Darstellung eingefangen. Bass orientiert sich dabei an Hitchcocks Spiralmotiven, die als Leitmotive während des Films immer wieder zum Einsatz kommen, um den psychologischen Strudel von VERTIGO zu symbolisieren. Sie tauchen beispielsweise in Form der Frisur von Madeleine und Carlotta, dem runden Blumenstrauß und dem Dekor des Glockenturms der Mission wieder auf. Auch die Kamera bedient sich dieses Leitmotivs und visualisiert das sich intensivierende Verhältnis zwischen Scottie und Judy vom Moment ihrer ersten Begegnung bis zu ihrer vollständigen Umwandlung mit umkreisenden Kamerafahrten. Bass' visuelle Vorausdeutungen auf die spätere Handlung und das Schicksal des Helden werden erheblich von Bernard Herrmanns musikalischen Figuren untermauert.

 

Die Musik des Vorspanns beginnt bereits, während das Paramount-Logo eingeblendet wird mit Flöten und Violinen. Eine markante Harfen-Arpeggiofigur setzt ein und wird den gesamten Vorspann durchdringen. Das Arpeggio ist eines von vielen Musikelementen, die im Prelude bereits angedeutet und dann im Film wieder eingesetzt werden. Es versetzt den Zuschauer unmittelbar in eine geheimnisvolle, mystische und unheilvolle Erwartungshaltung, die durch das Erscheinen eines Teilausschnitts von einem Frauengesichts in Großaufnahme visuell noch verstärkt wird.

Eine ähnliche Wirkung erzielt es, wenn das Arpeggio im letzten Drittel des Films in einer abgewandelten Form wieder auftaucht und die Szene begleitet, in der Judy im Schönheitssalon zu Madeleine umgemodelt und damit demaskiert wird. Im weiteren Verlauf des Preludes fährt die Kamera zunächst auf den Mund der Frau. Der Name des Hauptdarstellers James Stewart wird eingeblendet. Zeitgleich wird die bis dahin dominierende Arpeggiofigur von einem Zusammenprall von D-Dur und E-Moll Triaden konterkariert.

Der visuelle und der musikalische Vertigo-Effekt

Diese Triaden werden im Film jede von Scotties Höhenangstattacken begleiten und untermalen. Man kann von einem "musikalischen Vertigoeffekt" sprechen, der den "visuellen Vertigoeffekt" unterstützt und verstärkt. Als "visuellen Vertigoeffekt" bezeichnet man Hitchcocks häufig zitierte, damals revolutionäre Methode, ein Schwindelgefühl durch Vorzoomen und gleichzeitiges Zurückfahren der Kamera auf der Leinwand zu erzeugen. Herrmanns Komposition wird dabei, abhängig von der Intensität der jeweiligen Szene, in abgewandelten Formen mit unterschiedlichen Instrumentierungen eingesetzt. So wirkt beispielsweise die Schwindelattacke Scotties in Mitchs Appartement auf der Stehleiter, als keine echte Gefahr droht, weniger dramatisch als die der "Rooftop-Szene" zu Beginn des Films oder die im Glockenturm der San Juan Batista Mission, als er vergeblich versucht Madeline zu folgen.

In der Weiterführung des Vorspanns fährt die Kamera langsam auf das Auge einer Frau. Das Bild verfärbt sich rot, das Auge wird angstverzerrt-aufgerissen. Violinen und Flöten werden durch Celesta, Harmonium und Klarinetten verstärkt. Im Inneren des Auges erscheint der Vertigo-Schriftzug, der sich langsam vergrößert und allmählich die komplette Leinwand auszufüllen beginnt. Die Einblendung des Vertigo-Schriftzuges wird ebenfalls von dem dissonanten "musikalischen Vertigoeffekt" begleitet, der bereits in der anschließenden Eröffnungsszene wieder auftaucht.

Daraufhin erzeugt eine widerhallende, sich steigernde, leicht schwingende Tongestaltung ein Gefühl von Tiefe und Schauer, während die Kamera in die Dunkelheit hinter dem Auge einzudringen beginnt. Im Inneren des Auges erscheint eine um sich selbst drehende, rotierende Spirale, deren Zentrum sich unaufhaltsam auf den Zuschauer zuzubewegen scheint. Die Kamera taucht nun gänzlich in das schwarze Innere hinter dem Auge der Frau ab und fokussiert ausschließlich die immer mehr Raum einnehmende Spirale, deren Erscheinen mit einem Trillern von Holzblasinstrumenten und Streichern begleitet und mit ihrem Wachsen gesteigert wird. Dieses Trillern wird Scottie auch während des Finales des Films, bei der Erklimmung des Glockenturms begleiten.

Mit dem Erscheinen der rotierenden Spiralen im Auge der Frau wird der "Vertigo-Effekt" hier bereits auch visuell vorausgedeutet und bereitet den Zuschauer bereits auf die anschließende Rooftop-Szene und den darin erstmal zu sehenden Zoom-Effekt vor. Darüber hinaus reißen die zerfließenden, sich aus dem Auge der Frau windenden Spiralen vor dem Auge des Zuschauers ihn unweigerlich in den Strudel des Geschehens hinein. Es werden zwei Vertigo-Assoziationen suggeriert: Zum einen die Assoziation von Schwindel und Höhenangst zum anderen eine metaphorische Assoziation der Anziehungskraft und Obsession von Liebe und Tod.

Spielt sich der Plot lediglich in der Phantasie der Hauptfigur ab?

Neue Interpretationen von VERTIGO, wie die von Michael Sellmann, deuten die Spiralen nicht nur als Vorwegnahme dieser beiden Vertigo-Assoziationen. Sie gehen noch einen Schritt weiter und sehen darin einen Hinweis auf eine massive Wahrnehmungsstörung Scotties. Diese Interpretation geht allerdings auch von einer völlig neuen Betrachtungsweise des Plots aus. Eine Metaebene wird vorausgesetzt, in der sich ganze Handlungsstränge ausschließlich in der Phantasie des, durch den Tod seines Kollegen und Madelines traumatisierten, Scotties abspielen.

Mit dem Erscheinen der zweiten, einer blauen Spirale ändert sich die Instrumentierung im Prelude grundlegend. Mit dem Einsatz von Blechbläsern, Oboen und Englischen Hörnern ist erstmals das Liebesmotiv zu hören, welches im Verlauf des Filmes immer wieder in verschiedenen, abgewandelten Formen zur Untermalung Scotties und Madeleines Beziehung zu hören sein wird. Die Arpeggiofigur wandelt sich ab, ist aber bis zum Ende des Vorspanns weiter parallel zu hören.

Der Schlussteil des Preludes zeigt weitere rotierende Spiralen in unterschiedlichen Farben und besteht musikalisch aus Wiederholungen der bisher erwähnten Elemente. Die verschiedenen Farben der Spiralen sowie die zuvor beschriebene rote Einfärbung des Bildes deuten auf die komplexe Farbdramaturgie in VERTIGO hin. Vor allem Rotgrün-Farbmetaphorik spielt eine Schlüsselrolle beim Dechiffrieren der Psychologie in VERTIGO. Am Ende fährt die Kamera wieder aus dem Inneren des Auges hinaus. Ein Schnitt erfolgt und der Film beginnt mit der Verfolgungsszene und dem Absturz Scotties.

Der Vorspann ist als eigentliche Exposition ein wegweisender Bestandteil des gesamten Films. Durch Saul Bass' visuellen und Bernard Herrmanns akustischen, musikalischen Vorausdeutungen werden bereits in diesen drei Minuten, bevor die erste Szene des eigentlichen Plots zu sehen ist, Stimmung, Atmosphäre und Handlung des Films definiert, wird das Vordringen in immer tiefere Schichten und das Ineinandergreifen von Handlungselementen angedeutet, der Zuschauer sensibilisiert für das was ihn in den folgenden 120 Minuten erwarten wird.