Pete Doherty und die Babyshambles in Wiesbaden (Foto: Christian Düringer)
Foto: Christian Düringer

Schlachthof/Wiesbaden (13. März 2014)

Babyshambles

Pete Doherty liefert fristgerecht ab

Kommt er? Wenn ja, wann? Bleibt er? Spielt er? Am Ende waren alle zuvor angemeldeten Befürchtungen unberechtigt - oder zumindest fast. Allen Unkenrufen zum Trotz betritt Pete Doherty fast pünktlich und fast nüchtern mit seinen Mitstreitern die Bühne des neuen Wiesbadener Schlachthofs und spielt fast ohne Zwischenfälle eine fast solide Show. In Zeiten, in denen jedes Punk-Konzert standardisierten Choreografien unterworfen ist und Metal-Festivals auf Kreuzfahrtschiffen stattfinden, ist Pete Doherty so etwas wie der letzte Rockstar und eine Show der Babyshambles alles andere als eine professionell abgewickelte Dienstleistung nach Vorschrift. Abgesehen davon, dass Doherty zu den begabtesten Songwriter seiner Generation gehört, liegt genau darin der Reiz. Jedes Konzert ist aufs Neue eine Gleichung mit vielen Unbekannten und gerade deshalb immer wieder ein Erlebnis.   

 

Mit der Hit-Single "Delivery" von der 2007er LP SHOTTER'S NATION beginnt die Band furios. Gitarrist Mick Whitnall und Drew McConnell am Bass halten die Songs zusammen und fangen Dohertys doch mitunter recht freien Interpretationen wenn nötig wieder ein. So aufgeräumt wie inzwischen auf Platte klingt die Band live nämlich bei weitem nicht. "Hello Deutschland, hello Baden-Baden." Ein kurzer Gruß an die verwirrten Wiesbadener und ein Becher mit einer undefinierbaren roten Flüssigkeit auf ex und weiter geht's. Schnörkellos rotzt sich die Band durch ihr Set. Lustige Mitmach-Sperenzchen zur allgemeinen Unterhaltung erwarten ohnehin nur die ahnungslosen Amateure im sehr gemischten Publikum der ausverkauften Halle.

 

Mit sichtlich ergrautem Haar und kleiner Wampe unterm Poloshirt streunt Doherty einen Tag nach seinem 35. Geburtstag über die Bühne, kickt hier und da Bierbecher zurück ins Publikum, probiert auf die Bühne fliegende Mützen und Hüte an und rezitiert in radebrechendem Deutsch aus Dostojewski. 

Während bei Shows früherer Tage noch Kate Moss zum Duett auf die Bühne stakste oder obligatorisch einige Libertines-Klassiker eingestreut wurden bestreiten die Babyshambles ihr Set inzwischen komplett aus eigenem Material. Neben "Fall From Grace" und "Maybeline" vom aktuellen Album SEQUEL TO THE PREQUEL sind ältere Nummern wie das räudige "The Man Who Came To Stay", das schweißtreibende "Killamangiro" und "I Wish" mit Ska-Einschlag ja auch inzwischen selbst schon Klassiker und werden entsprechend abgefeiert. 

 

Zwischendurch warnt Doherty sein Publikum vor den Gefahren von Drogenkonsum. Mitgebrachte Drogen solle man daher doch bitte vorne an der Bühne bei dem Crew-Mitglied mit Liverpooler Akzent abgeben. "Does anyone happen to have any coke?" Als nach gerade einmal einer Stunde bereits "Fuck Forever" angestimmt wird brodelt es vor der Bühne. Verstärker kippen, Mikroständer fliegen ins Publikum. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt aber Eingeweihte wissen bereits, dass der Song vom Debüt Album DOWN IN ALBION eigentlich jedes Shambles-Konzert beendet und anschließendes Warten auf Zugaben wohl kaum von Erfolg gekrönt sein würde. Und somit war's das dann auch tatsächlich. Während drinnen noch 1800 Zuschauer auf eine Fortsetzung hoffen, besteigt Doherty bereits vor der Halle mit einigen Fans ein Taxi und verschwindet Richtung Stadtmitte.

 

Zurück bleibt eine illustere Runde aus euphorisierten Insidern, bitter enttäuschten Event-Fans, die ihre entstandenen Kosten gegen erbrachte Konzert-Minuten hochrechnen und ein paar desillusionierte Mädchen, die den jungen Poeten mit Hut und Anzug von den etwas älteren Postern sehen wollten und sich nun über graue Haare und Bauchansatz ärgern. Summa summarum ein fast richtig gutes Babyshambles-Konzert.


Text und Fotos von Christian Düringer 



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