Mittelhessenarena/Wetzlar (30. Oktober 2005)

Bob Dylan

Bob Dylan wird mittlerweile nicht mehr nur bescheiden als "Columbia Recording Artist" angekündigt, sondern mit den Worten "Please welcome the poet laureate of rock, the spokeman for the 60's counter culture, the man who the man who sought god in the 70's" im großen Stil auf der Bühne empfangen. Keine schlechte Idee, kann sich Dylan so doch der Vergangenheitsbewältigung entledigen, bevor er überhaupt in Erscheinung getreten ist. Eingeweihte wissen natürlich längst, dass heute Abend nicht die Legende des heiligen Bob neu errichtet werden wird.

Wie Dylan jüngst selbst in Martin Scorseses Dokumentarfilm NO DIRECTION HOME  überraschend offen und wortreich konstatiert, befindet sich ein Künstler in einem permanenten Zustand des Werdens. Das gilt natürlich insbesondere auch für seine Songs. Der in der Popmusik gängigen Konvention, Lieder möglichst nah an den bekannten Originalversionen aufzuführen, folgt Dylan bei seinen Konzerten schon lange nicht mehr. Keine Nummernrevue, kein abfeiern von alten Gassenhauern, kein nostalgisches herunterspulen der Greatest Hits.

Wie viele der 4500 Zuschauer in der neuen Wetzlarer Mittelhessenarena sich dessen an diesem Abend bewusst sind, kann man an den Mienen Einzelner ablesen, als das Hallenlicht nach der zweiten und letzten Zugabe erstrahlt. Das Publikum ist kaum zu klassifizieren. Studenten, Anzugträger, Althippies und Erdkundelehrer drängen zum Ausgang. Gerade eben noch ist ein Teenager in der fünften Reihe während "The Times They Are A-Changin'" ohnmächtig geworden, nachdem sie zuvor mit ihren Freunden drei Joints geraucht hat. Die irritierten Gesichter halten sich in Grenzen. 2005 scheint man zu wissen, was einen bei einem Bob Dylan Konzert erwartet.

Dylan beginnt pünktlich um 19 Uhr mit "Drifter's Escape" von seinem 68er Album JOHN WESSLEY HARDING und "Señor (Tales Of Yankee Power)" von 1978. Zwei Stücke, die bisher live eher selten zu hören waren und vom sich noch sortierenden und orientierenden Publikum zunächst eher verhalten aufgenommen werden. Der Mann, der Anfang der 60er Jahre mit Gitarre und Mundharmonika die Musikwelt revolutionierte, nimmt mittlerweile nur noch am Piano Platz. Die Gerüchte um gesundheitliche Probleme, die ihm das Gitarrespielen unmöglich machen, reichen von Atritis bis hin zu Spätfolgen eines mysteriösen Unfalls Ende der 80er, den er in dem ersten Teil seiner Autobiografie "Chronicles Vol. 1" vage erwähnt.

Dylan, ganz in schwarz gekleidet, sitzt seitlich zum Publikum, inmitten seiner fünfköpfigen Band vor einem roten Samtvorhang in dezenter Bühnenbeleuchtung. Sie spielen eher für sich als fürs Publikum, tauschen Blicke aus. Dylans Stimme hat sich im Laufe seiner Karriere immer weiter verändert. Mal raspelt er, mal raunzt und krächzt er, mal variiert er zwischen Bellen und zum lieblichen Croonen und verleiht den neuen, countrylastigen, jazzigen, fast schon swingenden Arrangements der Songs einen typischen Charakter. Der erste Höhepunkt ist die akustische Version von "The Times They Are A-Changin'". Dylan greift das erste Mal zu Harp, kommt hinter seinem Piano hervor und spielt tatsächlich Angesicht zu Angesicht zum Publikum. Mit den Stücken, die er anschließen nicht spielt, hätte er ganze "Best Of..."-Box-Sets füllen können. Als er "You Ain't Goin' Nowhere" und "New Morning" - mit Banjo Begleitung - anstimmt, freuen sich die tourneebegleitenden Fans in den ersten Reihen über weitere Überraschungen in der Setlist, die bei Dylan tatsächlich von Abend zu Abend höchst unterschiedlich ausfällt.

Das bluesige "Honest With Me" und "Cry A While" von seinem letzten Album LOVE AND THEFT klingen am vertrautesten, weil sie am wenigsten verändert wurden. "Just Like A Women" besitzt ebenfalls noch sein musikalisches Originalgerüst, wird jedoch durch Dylans verspäteten Gesangseinsatz mutwillig doch noch in eine andere Richtung gesteuert. Überhaupt fällt auf, dass sich Dylans Gesangsstil, das als 'Upsinging' bezeichnete Hochziehen jedes letzten Wortes einer Zeile, wie ein roter Faden durch das Programm zieht. "Don't Think Twice" erkennt man dadurch im Prinzip nur am Text, was doch einiges Bedauern bei dem ein oder anderen älteren Zuhörer ausgelöst haben dürfte.

Die hervorragende Dosierung von Songs aus den einzelnen Epochen steigert zunehmend die Beigeisterungsfähigkeit der Zuhörerschaft, die mit "A Hard Rain's A-Gonna Fall", wieder mit Dylan an der Mundharmonika, in einem weiteren Höhepunkt mündet. Nach "Summer Days" verlässt die Band die Bühne, um wenig später für zwei obligatorische Zugaben zurückzukehren. "Like A Rolling Stone" kommt dann doch noch ganz in die Nähe des Originals und dürfte damit die ein oder andere Erwartungshaltung befriedigt haben. Danach spricht er! Zwar ohne dabei ins Publikum zu blicken aber er spricht und stellt seine technisch perfekte, ansonsten eher unscheinbare Band vor. Ein seltsam schöner Augenblick, der von einem grandios rockenden "All Along The Watchtower" veredelt wird. Anschließend eine angedeutete Vorbeugung, ein paar seiner herrlich, hilflos wirkenden Gesten – dann ist Schluss. Was bleibt? Ein Fan beschreibt es beim hinausgehen so: "Dylan war weder lustlos noch engagiert, er hat seinen Job gemacht. Das ist nicht soooooo viel. Aber wenn morgen das Klo oder die Dusche streiken, wäre ich über soviel Einsatz der Handwerker schon ziemlich glücklich."