Mousonturm/Frankfurt (27. Mai 2007)

Built To Spill

Foto: Christian Düringer
Foto: Christian Düringer

Man könnte meinen, Doug Martsch sei die personifizierte Uncoolness. Man könnte aber genauso gut zum gegenteiligen Schluss kommen und ihn für den coolsten Typen des Planeten halten. Das bescheidene Mastermind von Built To Spill verweigert konsequent jedweden Popstar-Gestus. Vollbärtig, das inzwischen kahl gewordenen Haupt von einem zersausten Haarkranz umrahmt, wirkt er mit seinem Bauchansatz unter seinem grauen Schlabber-T-Shirt und den antiquierten Loafers, als käme er geradewegs von einem gemütlichen Barbecue in der Nachbarschaft seiner Heimat Boise/Idaho, als er gegen 22 Uhr die Bühne in Frankfurt betritt. Fünf Jahre ist es her, seitdem Built To Spill zum letzten Mal hierzulande auf Tour waren. Grund genug eigentlich, um sich vom Publikum begeistert empfangen zu lassen, doch weit gefehlt. Martsch ist kein Popstar und demnach auch kein Freund theatralischer Auftritte. Deshalb absolviert er unmittelbar vor Konzertbeginn noch mal eben in aller Ruhe und ganz unspektakulär mit seiner Band einen Soundcheck vor versammelter Zuhörerschaft des fast ausverkauften Mousonturms. Die muss aufpassen den Anfang nicht zu verpassen, denn nachdem ein weiteres Mal alle Instrumente gestimmt wurden, starten Built To Spill plötzlich mit "Liar" vom aktuellen Album YOU IN RESERVE.

Neben Martsch sorgen zwei weitere Gitarristen, darunter der zurückgekehrte Brett Netson, dafür, die vielschichtigen Arrangements, die ausschweifenden Soli und ineinander verwobenen und ständig wechselnden Riffs ihrer Platten auch live präzise umzusetzen. Das wiederkehrenden Laut/Leise-Schema ihrer Tracks lässt Erinnerungen an die Indie-Hochzeiten der 90er Jahre aufkommen, wobei Built To Spill schon immer vergleichsweise subtil mit diesem Stilmittel umgingen und damit auch live einen eher geschmeidigen Dynamikwechsel in ihr Set integrieren. Das neue, eingängige "Goin' Against Your Mind" wird vom Publikum ebenso begeistert aufgenommen wie die kleinen, heimlichen Hits frühere Tage. Das wunderschöne "Car" wird, wie auch "Twin Falls", nur von Martsch mit Gitarre begleitet. Diese eher ruhigen Momente lassen Raum für jene traumwandlerischen Melodien, die Built To Spill so ausgergewöhnlich machen, sind aber ansonsten eingebettet in dichte und laute Gitarrensounds, aus denen sich weitere Höhepunkte wie "You were right und Center of the Universe" herausschälen. 

Gegen Ende der Show scheint Martsch dann immer weniger Lust zum singen zu haben. Geredet hat er ohnehin kaum. Für Konversation mit den Fans wird Netson abgestellt, der zwischendurch über deutschen Fußball witzelt und Fanplakate analysiert, während Martsch immer wieder sein Instrument stimmt. Die Gitarrenpassagen werden länger, die Soli immer weitläufiger. Dieser Trend findet in der zweiten und letzten Zugabe nach knapp zwei Stunden ihren Höhepunkt. Ein fast 15-minütiges Prog-Soundgebilde versetzt den Mousonturm in Trance. Martsch steht inzwischen durch das häufige Handtuchrubbeln das Resthaar zu Berge. Inmitten des rot/blau ausgeleuchteten sphärischen Gitarrengewitters erscheint er nun endgültig wie ein verschrobener Psychodelic-Waldschrat, der versucht einen Soundtrack für sein T-Shirt-Motiv, das einen Blauwal im Kampf mit einem Riesenkalmar zeigt, zu kreieren. Danach winkt er noch mal freundlich wie ein höflicher kleiner Junge in die Menge, bedankt sich, schüttelt ein paar Hände und hilft dann artig seinen Kollegen beim aufräumen. Doug Martsch ist cool - irgendwie.