The Revival Tour 2012 (Foto: Christian Düringer)
Line-Up 2012: Chuck Ragan, Emily Barker, Cory Branan, Jay Malinowski & Rocky Votolato (Foto: Christian Düringer)

Ringkirche/Wiesbaden (10. November 2012)

The Revival Tour 2012

Chuck Ragan, Emily Barker, Cory Branan, Jay Malinowski & Rocky Votolato

Im Vorraum der Ringkirche sammelt die Wiesbadener Tafel Essenspenden für Obdachlose, die Kanzelwand ist feierlich ausgeleuchtet, davor sind ordentlich Instrumente aufgebaut. Zum Einlass spielt ein Streichertrio zwischen den Kirchenbänken. Nur die offene Flasche Jack Daniel's auf dem Altar lässt erahnen, dass heute Abend kaum ein Gottesdienst stattfinden wird. Es dürfte Im Vorfeld aber ohnehin bekannt gewesen sein, was zu erwarten ist, denn bereits ein Jahr zuvor machte die Revival Tour hier zum ersten Mal Station.

 

2008 rief Chuck Ragan, ehemaliger Frontmann der US-Punk-Band Hot Water Music, diese unkonventionelle Konzertreise mit immer wechselnden befreundeten Musikern aus seinem Umfeld ins Leben. Die Idee: Mitglieder verschiedener Bands ziehen durchs Land und interpretieren bei akustischen Sessions eigenes und fremdes Material. Kameradschaft wird bei der Revival Tour entsprechend großgeschrieben, auf eine Unterteilung zwischen Support- und Headliner bewusst verzichtet. Das gemeinsame Musikmachen steht im Vordergrund. Es soll weder einen dominanten Anführer am Mikrofon, noch eine feste Besetzung für das fast kommunenartige Projekt geben. Und so entert zu Beginn gleich einmal das komplette Line-Up die Bühne und spielt mit Ragan dessen "Nomad By Fate". In diesem Jahr teilt er sich mit Emily Barker, Cory Branan, Jay Malinowski, und Rocky Votolato die Bühne. Zur musikalischen Unterstützung wurden zudem Joe Ginsberg am Kontrabass und Jon Gaunt an der Geige angeheuert, dazu das eingangs erwähnte Streichertrio. Volle Breitseite zu zehnt. Der Song von Ragans aktueller LP COVERING GROUND gerät so zum fulminanten Opener.

The Revival Tour 2012 (Foto: Christian Düringer)
Ragan und Branan (Foto: Christian Düringer)

Anschließend startet Cory Branan sein Set. Der Singer-Songwriter aus Mississippi galt zur Jahrtausendwende neben Ryan Adams und Conor Oberst als großes Talent seiner Generation, war aber seitdem wesentlich weniger produktiv und hat sein erst drittes Album MUTT im Gepäck. Der 37-jährige beginnt solo in bester Storyteller-Marnier mit seinen anekdotenreichen Songs und trotzt "Hell-Bent And Heart-First" und "The Prettiest Waitress In Memphis" auf der malträtierten Akustikgitarre tatsächlich den Drive der punkigen Albumversionen ab. Für die Backing Vocals von "The Corner" stoßen dann Ragan und Barker dazu und schnell wird auch denjenigen unter den 800 Zuhöreren das Konzept der Revival Tour klar, die beim letzten Mal noch nicht dabei waren. Auf der Bühne herrscht den ganzen Abend über ein ständiges Kommen und Gehen. Jeder unterstützt den anderen, es bleibt Raum für Spontanität und Improvisation. "Es war für mich die erfrischendste und belebendste Art, wie man Livemusik heute erleben kann", beschreibt Ragan seine Idee zur Revival Tour in einem Interview. "Diese umherreisenden Shows mit echter Musik von echten Menschen in ihrer reduziertesten Art und Weise, findet ihren Ursprung darin, als Familien und Gemeinschaften noch zusammen saßen und sich Musik vorspielten und diese teilten."

Ein weinseliger Jay Malinowski wird zum Publikumsliebling

The Revival Tour 2012 (Foto: Christian Düringer)

Die Stabübergabe an Emily Barker nach einer halben Stunde ist fließend. Die australische Folksängerin bezaubert mit eher melancholischen Songs. Bevorzugt mit Banjo und sanfter Stimme erdet sie immer wieder die Riege der wilden Kerle. Besonders im Duett mit Ragans brachialem Organ entstehen dadurch wunderbare Kontraste, wie etwa bei Barkers aktuellen Single "Fields Of June". Ironie des Abends, dass ausgerechnet ihr die Gitarrenseiten reißen. Der sichtlich nervöse und weinselige Jay Malinowski bekreuzigt sich zwei Mal, bevor er in radebrechendem deutsch anmerkt, dass er jetzt unplugged spielen möchte und alle möglichst die Klappe halten müssen. Begleitet vom Streichertrio spielt er sein Set am Piano links neben der Bühne mit großartigen Nummern seines Solodebüts BRIGHT LIGHTS & BRUISES und dem herzzerreißenden Traditional "The Dying Californian". Euphorisiert mit Rotweinglas im Anschlag bedankt er sich immer wieder überschwänglich bei Chuck Ragan. Der sitzt inzwischen in der ersten Reihe und schaut dem Treiben zu, was Malinowski nicht mitbekommen hat. Als er ihn am Ende seines Sets zu sich rufen will, stolpert er zunächst orientierungslos durchs Kirchenschiff, bevor er ihn im Publikum entdeckt. Schöne Szene. Noch schöner dann das folgende gemeinsam improvisierte Cover von "Stand By Me" inmitten des Publikums. Malinowski ist selig und das Publikum auch. (Ragan und Malinowski covern spontan "Stand By Me", Foto: Christian Düringer)

The Revival Tour 2012 (Foto: Christian Düringer)

Der in Seattle ansässige Songwriter Rocky Votolato hat es fast ein wenig schwer, den Fokus anschließend wieder auf die Bühne zu lenken. In den 90ern in einer Punk-Band aktiv, widmet sich Votolato seitdem in seiner Solokarriere verstärkt wieder den Country- und Folkeinflüssen seiner Kindheit in Texas. In seiner typischen Kombination aus harmonischen Melodien und melancholischen Lyrics werden stellenweise Erinnerungen an Elliott Smith wach. Mit "Goldfield" und "Red River" liefert Votolato neben aktuellen Stücken von seiner LP TELEVISION OF SAINTS auch Highlights älterer Platten. Sein abgesagtes Konzert in Wiesbaden Anfang des Jahres macht er mit seinem Auftritt locker wieder wett. (Links: Emily Barker, Rocky Votolato & Cory Branan, Foto: Christian Düringer)

Zum Finale zieht Chuck Ragan alle Register

The Revival Tour 2012 (Foto: Christian Düringer)

Dann kommt Chuck Ragan und es ist vorbei mit der Beschaulichkeit. In bekannter Manier vermöbelt er seine Gitarre und brüllt die Ringkirche zusammen. Binnen der ersten Songs scharen sich wieder alle um ihn herum und Ragan wird der Altarraum schnell zu klein. Die Möglichkeiten der ungewöhnlichen Location werden voll ausgenutzt, alle Register werden gezogen. "Revival Road" wird unplugged vor den ersten Bänken gespielt, singend zieht er dann mit seinen Jungs durch die Gänge, um anschließend "On The Bow" a capella hoch oben von der Chorempore zu schmettern. Zum Happening fehlt nur noch etwas mehr Bewegungsfreiheit für die Zuhörerschaft, die sich dann aber immerhin zum Finale aus den engen Kirchenbänken quetscht und sich vor die Bühne traut. Das Eis bricht ein Fan in Baseballcap und Holzfällerhemd, der in Sachen Alkoholpegel Malinowski locker das Wasser reichen kann. Der gesellt sich dann auch prompt für ein Tänzchen zu ihm, bevor er zur gemeinsamen letzten Zugabe am Piano sein "We've All Got To Be Going Somewhere" anstimmt.

 

Wenn Ragan mit der Revival Tour den Geist der Folkmusik beleben will, ist es ihm einmal mehr gelungen. Alle Beteiligten sprühten nur so vor Spiellaune, die Melange aus Americana, Punk, Folk und Bluegrass fällt offensichtlich auch hierzulande auf fruchtbaren Boden und der anarchische Rahmen vor ausgefallener Kulisse tut sein übriges. Chapeau und auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr an gleicher Stelle, sofern die Scherben zwischen den Bänken rechtzeitig geräumt und sich der Bierdunst rechtzeitig zum Gottestdienst am nächsten Morgen verflüchtigt hat, damit die Ringkirche nochmal mitspielt. (Chuck Ragan mit Cory Branan, Foto: Christian Düringer)


Galerie


Text und Fotos von Christian Düringer


Videos

Trailer für die Deutschland-Tour


Finale in Wiesbaden: "We've All Got To Be Going Somewhere"

Setlist als Spotify-Playlist

Teile der Wiesbadener Setlist im Spotify-Stream