Dinosaur Jr. (Foto: Christian Düringer)
Dinosaur Jr. drehen ihre Marshalls in der ausverkauften Batschkapp bis zum Anschlag auf (Foto: Christian Dueringer)

Batschkapp/Frankfurt (12. Februar 2013)

Dinosaur Jr.

Die Frankfurter Batschkapp ist brechend voll. Gekommen sind Männer, die Ende der 80er jung waren und jetzt nicht mehr ganz so jung sind. So wie die Batschkapp selbst. Der 36-jährige Club, in dem schon Nirvana und R.E.M. auftraten, steht in seiner jetzigen Form vor dem Aus, wird in eine größere Location umziehen. Dass sich nun Veteranen wie Dinosaur Jr. zum Abschluss die Ehre geben, verleiht dem Abend so in doppelter Hinsicht eine melancholische Note. Für die Frankfurter Konzertkultur geht eine Ära zu Ende. Eine Ära, die das heutige Publikum in jüngeren Jahren maßgeblich mitgeprägt hat und in die es sich in den nächsten zwei Stunden zurück beamen will. Mit dem netten Enddreißiger, dem ich vorm Eingang ein übrig gebliebenes Ticket verkauft habe, tausche ich mich an der Bar über die Befindlichkeiten unserer Kinder aus. Er sei schon ewig nicht mehr hier gewesen aber um der alten Zeiten willen könne er sich Dinosaur Jr. nicht durch die Lappen gehen lassen. 

 

Es geht also inzwischen auch vor der Bühne alles etwas gediegener zu. Oben gehört gesteigerte Aktivität freilich ohnehin nicht zum Markenzeichen der Band um Mastremind J Mascis, die seit 2005 wieder mit Bassist Lou Barlow und Drummer Murph im original Line-Up wiedervereint ist. Niemand verkörpert gelebtes Slackertum so sehr wie Mascis und deshalb funktionieren Dinosaur Jr. auch nach wie vor so perfekt. Keine Show ist die Show und entsprechend wenige der Fettnäpfchen stehen bereit, in die alternde Rockbands sonst gerne treten. Eigentlich müssten sie inzwischen zu jenen Kandidaten gehören, die man bei jedem neuen Album stets wegen ihrer frühen Verdienste lobt und das aktuelle Schaffen so nebenbei brav mit durchwinkt. Mit ihrer Vorreiterrolle am Vorabend von Grunge Ende der 80er Jahre haben sie ihren festen Platz an den Annalen der Popmusik. 1989 wollte Kurt Cobain J Mascis gar zur Nirvana holen. Mascis  lehnte dankend ab. Im vergangenen Herbst erschien mit I BET ON SKY das bereits dritte großartige Album seit der Wiedervereinigung und die neuen Songs müssen auch live die Konkurrenz der frühen Klassiker nicht fürchten. 

Foto: Christian Düringer
Fast Nirvana-Mitglied und Prototyp des Slackers: J Mascis (Foto: Christian Dueringer)

Es ist Mascis, der mit seinem Gespür für unverschämt eingängige Melodien, unprätentiös vorgetragenen Metal-Riffs ohne breitbeinigen Hardrockgestus, nuschelnden Vocals und obligatorischen Propeller-Solos den unikaten Sound der Band prägt, auch wenn seine Stimme am heutigen Abend etwas zu oft im Feedback- und Distortion-Orkan der Gitarrenwände aus den Marshall-Türmen absäuft. Es ist ohrenbetäubend laut. Während seiner herrlich tranig-melancholischen Performance richtet er hin und wieder ein knappes "Thanks" an sein Publikum und lugt dabei kurz unter seiner ergrauten Mähne hervor. Ansonsten stellt er einzig und alleine seine Songs in den Vordergrund und überlässt Lou Barlow ein wenig Entertainment am Rande. Der Bassist trägt neben dem aktuellen "Rude" noch "Training Ground" von der Hardcoreband Deep Wound vor, einer Vorgänger-Band von Dinosaur Jr. Durch sämtliche Schaffensphasen folgt schnörkellos eine Nummer auf die andere. Die neue Single "Watch The Corners" fehlt dabei ebenso wenig wie die Indie-Hits "Start Choppin'" und "The Wagon" aus der 90er-Phase, in der Mascis die Band ohne Barlow quasi als Solo-Projekt weitergeführt hatte. Frühe Perlen wie "Freak Scene" spart die Band für den Schluss auf, das Cure Cover "Just Like Heaven" und "Sludgefest" kommen dann obligatorisch als Zugaben.

 

Der sympathische Enddreißiger von der Bar kauft sich noch sämtliche Band-Shirts am Merchandise-Stand, das mit dem comichaften Pferdemotiv für seine Tochter im Grundschulalter, und geht dann glücklich nach Hause. Dinosaur Jr. haben im Laufe ihrer Geschichte mindestens genauso viel Patina angesetzt wie die Batschkapp. Bleibt nur zu hoffen, dass die Band aus Massachusetts damit im Gegensatz zum legendären Frankfurter Club noch eine ganze Weile weiter macht, denn sie sind besser dennn je - und lauter. 

 


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