Alte Feuerwache/Mannheim (27. August 2019)

Duff McKagan feat. Shooter Jennings

Der Guns N'Roses Bassist sorgt für einen denkwürdigen Abend

Ein Jahr nachdem Duff McKagan mit Guns N'Roses vor 50.000 Fans in Mannheim spielte, kehrt er zurück. Allerdings anders als man es erwarten würde. Gemeinsam mit Outlaw-Country-Sänger Shooter Jennings stellt er ein Akustikalbum in intimer Club-Atmosphäre vor. Das begeisterte Publikum erlebt ein Wechselbad der Gefühle. 

Weder Duff McKagan noch das Publikum in der Alten Feuerwache in Mannheim haben dieses Konzert nötig. Und genau das entfacht schließlich die Magie an diesem Abend. McKagan befindet sich seit der Reuinion von Gun N’Roses 2016 auf der nicht enden wollenden "Not In This Lifetime-Tour" – schon jetzt eine der erfolgreichsten Konzert-Tourneen der Pop-Geschichte. Bevor er im September wieder gemeinsam mit Axl Rose und Slash die Bühnen nordamerikanischer Stadien entert und in Stein gemeißelte Klassiker vor Hunderttausenden spielt, nutz er die Pause für sein ungewöhnliches Soloprojekt, in das ganz offensichtlich eine ganze Menge Herzblut geflossen ist.  

  

Geld- oder Aufmerksamkeitsdefizite muss Duff McKagan auf dieser intimen Tour durch kleine Clubs also nicht befriedigen. Und auch das Publikum hat es nicht mehr nötig, McKagans Konzert als eine Art abgespeckte GNR-Ersatzshow zu besuchen, so wie es das viele Jahre bei allen möglichen Nebenprojekten der einzelnen Bandmitglieder getan hat. Die "Not In This Lifetime-Tour" hat schließlich vor gerade einmal einem Jahr am Mannheimer Maimarktgelände Station gemacht. Nostalgische Jugendsehnsüchte sind in der Region also ausreichend erfüllt worden.  

Mehr als nur Support-Act: Shooter Jennings

Bevor McKagan die Songs seines neuen Albums "Tenderness" vorstellt, das vor wenigen Wochen erschien und nicht wenige mit einem atypisch-countryesken Akustik-Gewand überraschte, betritt sein Kompagnon bei diesem Projekt nebst Band pünktlich die Bühne: Shooter Jennings. Hierzulande ist Jennings, Sohn von Countrylegende Waylon Jennings und Sängerin Jessi Colter, ungerechterweise ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Dabei ist er in den USA bereits seit 15 Jahren im Geschäft und hat eine mehr als respektable Karriere hingelegt. 

  

Trotz wertschätzendem Applaus dürfte den meisten Besuchern zunächst also nicht unbedingt bewusst sein, dass sie hier eigentlich einem Doppelkonzert auf Augenhöhe lauschen. Jennings ist mehr als nur Support. Er hat Duff McKagans Album produziert, es stilistisch offenkundig mit geprägt und es mit seiner Band im Studio eingespielt. Und auch live stehen Jennings mit Violinistin Aubrey Richmond, Gitarrist John Schreffler, Bassist Ted Russell Kamp und Drummer Jamie Douglas nach ihrem eigenen Set McKagan zur Seite.

 

Ein geläuterter Duff McKagan mit gesellschaftskritischer Agenda

Als wolle er die Formalitäten gleich zu Beginn abhaken, betritt McKagan gegen halb zehn die Bühne, lässt sich kurz frenetisch abfeiern und okay, spielt zum warm werden erst einmal als Crowd-Pleaser einen Guns N’Roses-Song. Warum auch nicht. Mit "You Ain't the First" aber einen seinerzeit eher wenig beachteten aus der Feder von Izzy Stradlin. Es folgen "Breaking Rocks", "Chip Away", einem der eingängigsten Stücke der neuen Platte und der Titeltrack, "Tenderness".

  

Im weiteren Verlauf mimt McKagan dann zu keiner Sekunde den unnahbaren Superstar. Er ist gut aufgelegt, macht Witze und erzählt viel. Und er hat eine Agenda. Neben den neuen musikalischen Pfaden des sonst eher Punk-affinen Musikers überrascht er auch mit politischen Statements. Viele seiner Songs haben eine gesellschaftskritische Note. "Falling Down" handelt etwa von der Opioid-Krise in den USA, "Parkland" nimmt den unendlichen Wahnsinn der Schulmassaker im Land buchstäblich ins Visier und "Last September" thematisiert sexuellen Missbrauch. 

Verglichen mit den frühen skandalträchtigen Lyrics seiner Hauptband, kommen die neuen Texte geradezu geläutert daher. Duff ist Familienvater, der seinen Sex, Drugs & Rock n’Roll-Lifestyle hinter sich gelassen hat. Bereits vor zwanzig Jahren hat er Alkohol und Drogen abgeschworen. Das Liebeslied "Wasted Heart" widmet er dann auch ganz brav seiner Frau Susan zum anstehenden 20. Hochzeitstag.

Der Tod von Neal Casal überschattet Konzert

Das Publikum nimmt auch die nachdenklichen Songs begeistert auf, erlebt aber dennoch an diesem Abend ein Wechselbad der Gefühle. McKagan ist voll im hier und jetzt. Mannheim ist für ihn mehr als nur eine anonyme Station auf Tour. Immer wieder thematisiert er zwischen den Songs in bester Story-Telling-Manier seine Beziehung zu der Stadt. Die nimmt man ihm ab, schließlich hat er hier tatsächlich einiges erlebt.

 

So erinnert er sich schemenhaft an ein inzwischen legendäres Konzert 1991 zurück, bei dem Axl Rose durch einen zwischenzeitlichen Abbruch fast einen Aufstand am Maimarktgelände angezettelt hatte. Konzertveranstalter Marek Lieberberg persönlich ließ seinerzeit die Abfahrtswege vom Gelände mit LKW blockieren, um die vorzeitige Abreise der Band - und damit schlimmeres - zu verhindern. Aber letztes Jahr habe man sich dann ja besser benommen, witzelt Duff.

   

Neben launigen Anekdoten überschatte aber auch der Tod von Neal Casal das Konzert. Der US-Songwriter und Gitarrist war Freund und Weggefährte von Jennings und hatte sich am Vortag das Leben genommen. Die Band widmet ihm den Song Feel: "When the lights go down, You are still here, All you hold dear remains."

 

Eine einmalige Angelegenheit

Auf solche solche Gänsehaut-Momente mit Kloß im Hals folgen mit "Dust n’Bones" und "Dead Horse" wieder weitere Brecher von GNR, die das Publikum euphorisiert mitreisen. Aubrey Richmond darf hier als Duett-Partnerin glänzen und charmant Axl Rose vertreten. Schon vorab entschuldig sich McKagan dann dafür, dass es keine Zugaben geben wird. "Die Leute in Berlin haben uns gefragt, wieso wir keine weiteren Stücke gespielt haben", erzählt er. "Die Wahrheit ist, wir können nur die, die wir hier spielen." Dazu gehört noch das Clash-Cover "Clampdown" und "Deepest Shade" von Mark Lanegan, für das McKagan herunter zum Publikum klettert und es in den Armen seiner Fans singt. Dann ist nach 90 Minuten Schluss.

 

Schon im Vorfeld hatte McKagan angekündigt, dass diese Tour eine einmalige Sache sein würde: "Die Band spielt wundervoll und Shooter ist ein toller Mensch. Wir kennen uns seit fast zwanzig Jahren. Ich kann nur sagen: Wer uns zusammen spielen sehen will, der muss jetzt zu den Konzerten kommen. Mehr als diese eine Tournee werden wir nicht gemeinsam bestreiten."

 

Insofern war jeder gut beraten, der diese Aufforderung befolgt hat. McKagan beweist an diesem Abend eindrücklich und vor allem authentisch, dass er sich als Musiker ambitioniert weiterhin selbst verwirklichen und weiterentwickeln will und keineswegs gewillt ist, sich auf dem Ruhm auszuruhen, den er sich mit GNR vor 30 Jahren aufgebaut hat. Chapeau!

 

Von Christian Düringer