Foto: Christian Düringer
Foto: Christian Düringer

Tempodrom/Berlin (16. September 2008)

Emmylou Harris

Als "Cosmic American Music" beschrieb Gram Parsons einst etwas ungelenk seine hybride Mixtur zweier als unvereinbar geltenden Musikstile: Country und Rock. Inzwischen besser kurz als Americana oder Alternative Country bekannt, schlug Parsons als musikalischer Kopf der Byrds und der Flying Burrito Brothers eine Brücke zwischen zwei gegensätzlichen Kulturen. Anfang der 70er Jahre vollendete er mit zwei Soloplatten seine Mission, bevor er 1973 im Alter von nur 26 Jahren an einer Überdosis Drogen im Joshua Tree Inn Motel starb. Zwei Jahre zuvor entdeckte Parsons auf einer Folkbühne in Washington zufällig Emmylou Harris. Die perfekte  Muse und Duettpartnerin für Studio und Tour war gefunden. 

35 Jahre später steht Emmylou Harris nach langer Abstinenz im Berliner Tempodrom auf der Bühne. Ihren letzten geplanten Auftritt hier hatte sie einige Jahre zuvor noch krankheitsbedingt absagen müssen. Im Gepäck hat sie ihr aktuelles Album ALL I INTENDED TO BE, auf dem sie wieder verstärkt selbst als Songwriterin in Erscheinung tritt. Das ist nicht selbstverständlich. Cosmic American Music ist auch stets ihr Motto gewesen. Die ganze Breite der amerikanischen Musikkultur diente ihr als Inspirationsquelle für unzählige Neuinterpretationen und ebenso oft griffen amerikanische Musiker und Songschreiber auf ihre Unterstützung zurück. Ob Bob Dylan und Johnny Cash oder Roy Orbison und Elvis Costello. Emmylou Harris veredelte mit ihrer Stimme im Duett so manchen Track namhafter Künstler. Auch die junge Generation sucht immer wieder ihre Nähe. In den letzten Jahren war sie an der Seite von Beck, Conor Oberst (Bright Eyes) und Ryan Adams zu hören und zu sehen. 

Foto: Christian Düringer
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Nicht weniger umfangreich setzt sich die Setlist zusammen, die die inzwischen 61-jährige heute dem Berliner Publikum im voll bestuhlten Tempodrom präsentiert. Neben einem großen Anteil aktueller Songs sind zahlreiche Stücke ihrer frühen Alben zu hören oder wie die inzwischen in Silberhaar auftretende Sängerin selbst sagt, "aus ihrer brünetten Phase". Begleitet von einer sechsköpfigen Band ist damit ist auch die Vielfalt des eingängigen PIECES OF THE SKY von 1975, der Nashville-Country-Platte BLUE KENTUCKY GIRL von 1979 und dem Bluegrass-Sound von ROSES IN THE SNOW (1980) zu spüren. 

Teilweise ein klein wenig zu routiniert, wünscht man sich, dass Emmylou ihre Band etwas häufiger von der Leine lassen würde. Nur ein Mal lässt sie die Zügel etwas lockerer, um das Geschehen in eine kleine Jamsession abgleiten zu lassen. In der zweiten Hälfte des Sets wird die texanische Sängerin Kimmie Rhodes, die auch schon das Vorprogramm bestritten hatte, in das Set integriert. Zur Linken zupft und geigt der großartige Rick Simpkins Mandoline oder Fiddle und setzt damit Emmylou Harris im Schmelztiegel zwischen Blues, Folk und Country bestens in Szene

Neben den fast schon obligatorischen Stücken aus Gram Parsons Feder würdigt sie einen weiteren großen Vertreter ihrer Generation. Ganze drei Kompositionen des großen Townes van Zandt stimmt sie an, darunter auch "Pancho and Lefty", das sie bereits 1977 auf ihre Album Luxury Leiner verewigte: "Wie ihr wisst, mag ich vor allem traurige Songs", sagt sie. "Weil sie mein Wohlbefinden steigern." Ganz im Sinne von Van Zandt, der seine Songs zwar selbst als "nicht traurig" dafür aber gleichzeitig als "absolut hoffnungslos" beschrieb. Mit ihrem 75er Hit "One Of These Days" beschließt sie ihr Konzert. Ein Abend mit "Cosmic American Music" geht zu Ende. In der Hoffnung, dass Berlin nicht wieder so lange auf ihre Rückkehr warten muss.