First Aid Kit (Foto: Christian Düringer)

Brotfabrik/Frankfurt am Main (18. Februar 2012)

First Aid Kit

Die schwedischen Schwestern werden langsam groß

Ein bisschen haben sich Klara und Johanna Söderberg (Jahrgang 1993 und 1990) jene unbedarfte Schüchternheit bewahrt, mit der sie vor nunmehr fast vier Jahren über Nacht mit einer Coverversion der Fleet Foxes zum Youtube-Hype wurden. Als das begeisterte Publikum der ausverkauften Frankfurter Brotfabrik frenetisch weitere Zugaben fordert, kommen die beiden Schwestern aus Stockholm sichtlich ungläubig und ein wenig verlegen ein weiteres Mal zurück auf die Bühne. Mit ihrem zweiten Album THE LION'S ROAR, das gerade von Null auf Eins der schwedischen Charts schoss, scheint ihnen gerade endgültig der Durchbruch zu gelingen und das lässt sich nirgends besser ablesen, als an den Reaktionen am heutigen Abend. Es lässt sich aber nicht mehr verbergen: First Aid Kit werden langsam groß.

 

Angesichts der Tatsache, dass Klara Söderberg nicht einmal zwanzig und ihre Schwester nur drei Jahre älter ist, überrascht die gewaltige Altersbandbreite im Auditorium. Gleichaltrige Teenager und Studenten spricht die Melange aus Country, Nordic Folk und Pop offensichtlich genauso an wie die zahlreichen hartgesottenen Alt-68er, die sich vor der Bühne tummeln. Eine generationsübergreifende Brücke schlägt wohl die aktuelle Single "Emmylou", auf der die Schwestern ihren Vorbildern Emmylou Harris, Gram Parsons und Johnny und June Carter Cash ein Denkmal setzen. Der eingängige Country Tune wird zu Beginn des Sets auch entsprechend begeistert aufgenommen, auch wenn er live ohne die stilprägende Pedal Steel auskommen muss, denn außer Johanna am Keyboard und Klara an der akustischen Gitarre ist nur noch Drummer Mattias Bergqvist auf der Bühne zugegen. Und das reicht auch vollkommen aus, denn damit bleibt mehr Raum für die famosen Vocal Harmonies der Geschwister, wegen denen ja letztendlich alle gekommen sind.

 

Das Zusammenspiel der Stimmen steht bei First Aid Kit nach wie vor im Fokus, auch wenn sie auf der LP inzwischen von einer vollen Band und namhaften Musikern und Produzenten geleitet werden. Es bleibt schlicht verblüffend, mit welcher Leichtigkeit und Präzession sie durch ihren Gesang auf den Punkt den Raum füllen und alle Aufmerksamkeit bündeln können. 

Fast sämtliche Stücke des neuen Albums stehen auf der Setlist, dazu eine erlesen Auswahl ihrer früheren Veröffentlichungen. Darunter das melancholische "Ghosttown", das die beiden unplugged am Bühnenrand mit dem Publikum anstimmen: "Let's do a competition. Hamburg is still in the lead. So c'mon, show the Hamburgers", witzelt Klara. Doch die Frankfurter erweißen sich anschließend als nicht besonders textsicher. Macht aber nichts.

 

Für "New Year's Eve" legt Klara schließlich die Gitarre beiseite, um sich nur von Johanna mit einer Auto-Harp begleiten zu lassen. Überzeugend gelingt eine tollkühne Adaption von "When I Grow Up". Im Original eine avantgardistische Elektronummer der schwedischen Künstlerin Karin Dreijer Andersson alias Fever Ray, reiht sich der Titel nun wie selbstverständlich ins Repertoire der Söderbergs ein. Vergeblich hoffte man hingegen auf das Patti Smith-Cover "Dancing Barefoot", mit dem die beiden bei der letztjährigen Verleihung des Polar Music Prize in Stockholm die große amerikanische Sängerin zu Tränen rührten. Stattdessen beginnen sie zum ersten Finale, dem Titeltrack "The Lion's Roar", plötzlich in bester schwedischer Metaltradition zu headbangen. Auch das erscheint bei First Aid Kit als das Normalste von der Welt und kommt bei der Zuhörerschaft bestens an.

 

Die Zugaben geraten dann endgültig zum Siegeszug. Vor allem das furiose "King Of The World", das schon auf der LP mit tatkräftiger Unterstützung von Conor Oberst und den Felice Brothers den krönenden Abschluss markiert, wird gefeiert. Karla und Johanna Söderberg sind nicht mehr die niedlichen Teenager aus dem Youtube-Clip. Allerspätestens ab dem heutigen Abend kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass sie endgültig erwachsen geworden sind.  


Text und Fotos von Christian Düringer     



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