First Aid Kit in Frankfurt (Foto: Christian Düringer)
Foto: Christian Düringer

Zoom/Frankfurt (30. September 2014)

First Aid Kit

Die schwedischen Schwestern verzaubern Frankfurt

Es ist Sommer 2008, als die beiden Schwestern Johanna und Klara Söderberg ihre Version vom "Tiger Mountain Peasant Song" auf youtube veröffentlichen. Schüchtern lächeln die beiden Schwestern, die zu diesem Zeitpunkt gerade mal 15 und 17 Jahre alt sind, aus einem Wald ihrer schwedischen Heimat in die Kamera: "This is for you, Fleet Foxes. A little gift from us.", kündigt Klara verlegen an, bevor sie selbstversunken die ersten Takte auf ihrer Gitarre anschlägt. Es sollte der Startschuss für First Aid Kit werden, wie sie sich fortan nennen. Ihr entwaffnender Harmoniegesang wurde zur Internet-Sensation und ließ binnen kurzer Zeit Millionen Menschen weltweit dahinschmelzen. Inzwischen sind die beiden mit ihrer dritten LP STAY GOLD auf Tour und werden von großen Namen wie Jack White und Bright Eyes Mastermind Conor Oberst hofiert.

 

Zweieinhalb Jahren ist es her, dass First Aid Kit zuletzt in Frankfurt gastierten. Sichtlich gereift und routinierter kehren sie nun zurück und starten gegen 22 Uhr ihr Set im ausverkauften Zoom in goldenen Gewändern und auf golden ausgeleuchteter Bühne mit dem dem dazu passenden Titeltrack des Albums: "Stay Gold". Aus den Teenager-Erscheinungen von einst sind junge Frauen geworden, die bereits eine beachtliche Karriere im Rücken haben, die ihnen enormen Aufwind verleiht.

      

Entsprechend souverän haben sie mit der Unterstützung eines Drummers und eines Pedal Steel Spielers ihr Publikum gleich mit den ersten Tönen voll im Griff. Besonders live beeindruckt der scheinbar mühelos perfekt aufeinander abgestimmte Harmoniegesang der Geschwister immer wieder in besonderem Maße.

 

Die Setlist wird zwar dominiert von Songs der neuen Platte, die die Mädels bis auf zwei Stücke komplett unterbringen, die heimlichen Höhepunkte finden aber dazwischen statt. Durch die Bandbegleitung könne die beiden live einerseits etwas mehr Gas geben als auf ihren LPs, eine Rechnung, die besonders bei den etwas flotteren Nummern wie "Heaven Knows" und "King Of The World" sehr gut aufgeht, andererseits wünscht man sich ab und an etwas mehr Zurückhaltung des Drummers. Die Stärke der Mädels liegt nun mal in ihren Vocals und je lauter und üppiger die Arrangements ausfallen, desto mehr Nuancen gehen beim Gesang zeitweise etwas unter.   

 

Das wird bei der Performance von "Ghost Town" besonders deutlich. Die Single von ihrem Debüt-Album tragen Klara und Johanna alleine unplugged vor. Die Band pausiert und auch Johanna verlässt ihr Keyboard. Zu Klaras Akustikgitarre und ohne Mikrofonverstärkung bezaubern sie das Frankfurter Publikum und werden dafür gebührend gefeiert.

Stolz berichten die beiden Schwedinnen anschließend, dass sie gerade mit Jack White auf Tour waren und stimmen kurz augenzwinkernd den inzwischen leider zur Fußball-Mitgröhlnummer verkommenen White Stripes-Hit "Seven Nation Army" an. Glücklicherweise schwenken sie dann aber um und covern fulminant "Love Interruption" von Whites 2012er Solo-LP. Eine gute Entscheidung. 

 

Zu "Shattered & Hollow" und "Cedar Lane" lassen die beiden es wieder richtig krachen und schwenken ihre Mähnen in bester skandinavischen Headbanger-Manier. Inzwischen ein schon fast obligatorisches Muss bei einem First Aid Kit Konzert. 

 

Die großen Hits von THE LION'S ROAR heben sich die beiden bis zum Schluss auf. Der Titeltrack beendet das reguläre Set und animiert die Fans anschließend dazu, enthusiastisch die Zugaben einzufordern. Die beginnen mit dem traurigen "A Long Time Ago", gefolgt von "Master Pretender", das First Aid Kit erstmal den Warnstatus "explicit content" eingebracht hat. "We're pretty badass know", witzelt Klara und ihre Schwester ergänzt: "Yeah, we are a very bad influence for all of you".

 

Die Hommage an ihre Countyhelden "Emmylou" ist dann das standesgemäße Finale. "I'll be your Emmylou and I'll be your June and you'll be my Gram and my Johnny too", singen die beiden Schwestern und träumen sich dabei in die Rolle ihrer Vorbilder Emmylou Harris und June Carter Cash und lassen durchblicken, dass sie sich am liebsten einen Johnny Cash oder Gram Parsons an ihre Seite wünschen.

 

Die Single war 2012 er Durchbruch der beiden und ihre Faszination für das Thema verarbeiteten sie im dazugehörigen Video im Joshua Tree Nationalpark in Kalifornien, in Erinnerung an die bizarre Feuerbestattung von Parsons, die sein Manager 1973 dort inszenierte. Der andächtige Kniefall der beiden Schwestern ist vermutlich die schönste und herzzerreißendste Hommage, die Gram Parsons je zuteil wurde.

 

Wieder einmal überzeugen First Aid Kit das hessische Publikum auf ganzer Linie. Wir freuen uns auf eine weitere Fortsetzung.


Setlist 

Stay Gold / Blue / King Of The World / Waitress Song / Shattered & Hollow / In The Hearts Of Men / Cedar Lane / Ghost Town / My Silver Lining / Wolf / Love Interruption / Heaven Knows / The Lion's Roar // A Long Time Ago / Master Pretender / Emmylou


Text, Fotos und Video von Christian Düringer