Schlachthof/Wiesbaden (30. November 2018)

First Aid Kit

Die schwedischen Schwestern sind groß geworden

Seit zehn Jahren sind Johanna und Klara Söderberg aus Stockholm nun mit ihrer Melange aus Folk, Country und Pop unterwegs - jetzt auch auf großen Bühnen. Nach wie vor verzaubern sie ihr Publikum mit ihrem perfekt aufeinander abgestimmten Harmoniegesang, dennoch vermisst man an der ein oder anderen Stelle die intime Atmosphäre und Spontanität der früheren Club-Konzerte. 

Zehn Jahre ist es nun her, dass Johanna und Klara Söderberg mit ihrer schüchternen Coverversion eines Song der Fleet Foxes einen viralen  YouTube-Hit landeten. Damals waren die beiden Schwestern aus Stockholm gerade einmal 15 und 17 Jahre alt. Bereits ein Jahr später traten sie zum ersten Mal in Wiesbaden auf. Beim beschaulichen "Folklore im Garten"-Festival spielten sie noch als hoffnungsvoller Newcomer-Act im Nachmittagsprogramm.

 

Das hat sich längst geändert. An diesem nasskalten und dunklen Adventswochenende locken sie 1300 Zuschauer in den Wiesbadener Schlachthof und schauen mit gerade einmal Mitte zwanzig auf eine beachtliche Karriere zurück. 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Christian Düringer (@popspotter) am

Beim schwedischen Polar Music Prize waren sie in den vergangenen Jahren gleich mehrmals als musikalische Laudatoren gebucht und rührten Paul Simon, Patti Smith und Emmylou Harris mit Interpretationen deren Klassiker zu tränen. Und sie spielten gemeinsam mit ihren Vorbildern Connor Oberst, Jack White und R.E.M.s Peter Buck, was ihnen vor allem in den USA außergewöhnliches Renommee einbrachte.

 

Dass ausgerechnet zwei Schwedinnen zu den hoffnungsvollsten Americana-Acts der letzten Jahre wurde, hätte ihnen zu Karrierebeginn wohl auch niemand prognostiziert. 

 

Wie sehr sich ihr Publikum im Laufe der Jahre verbreitert hat, lässt sich auch an diesem Abend an den Gesichtern im Schlachthof ablesen. Während zu meiner linken freudig aufgeregt eine Gruppe weiblicher Teenager dem Auftritt der Söderbergs entgegen fiebert, erzählt mir zu meiner rechten ein Ehepaar Anfang sechzig von einem Bob Dylan-Konzert in Nürnber 1976. First Aid Kit kennen sie von einem "ttt"-Bericht in der ARD.

Und als First Aid Kit pünktlich um neun im Rampenlicht auftauchen, wird deutlich, dass sich nicht nur das Publikum verändert hat. Die intime Club-Atmosphäre der vergangenen Jahre, in denen Klara und Johanna ihre neuen Platten noch in Frankfurt in der Brotfabrik (2012) und im Zoom (2014) vorgestellt hatten, ist einer großen Bühne gewichen, die mit opulenter Lightshow und aufwändigen Videoprojektionen gefüllt wird. 

 

 

Zudem werden die Geschwister von einer professionellen und international besetzten Tourband (Schlagzeug, Pedal Steel, Keyboards) flankiert, die besonders bei Uptempo-Nummern wie "King Of The World" für den nötigen Druck in der großen Halle sorgen.

Nichtsdestotrotz war, ist und bleibt der scheinbar mühelos perfekt aufeinander abgestimmte Harmoniegesang das größte Pfund des Duos und je üppiger Arrangements und Bühnenshow  ausfallen, desto mehr Nuancen gehen mitunter beim Gesang unter.

 

Dass die Bühnenperformance inzwischen deutlich routinierter als früher und teils etwas statisch rüber kommt, ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass Wiesbaden als Nachschlag ganz am Ende einer endlos langen Konzertreise steht, auf der die Band ihr bereits im Januar erschienenes Album "Ruins vorgestellt hat. Der erste Teil der Deutschlandtour fand bereits im Frühjahr statt. 

Geboten bekommen die Wiesbadener einen Querschnitt der letzten drei Alben, wobei die neuen Songs dominieren. Darunter "Ugly" von der jüngst erschienen fantastischen EP TENDER OFFERINGS und das von Klara kämpferisch angekündigte "You Are The problem Here", First Aid Kits zorniger Beitrag zur "Me Too"-Bewegung.

 

Fehlen darf natürlich auch nicht der Klassiker "Emmylou", der Durchbruch vom zweiten Album THE E LION'S ROAR. "I'll be your Emmylou and I'll be your June and you'll be my Gram and my Johnny too", singen die beiden Schwestern als Hommage an die Country-Legenden Emmylou Harris, Gram Parsons, Johnnny Cash und June Carter. 

 

Die während der früheren Tourneen eingestreuten Unplugged-Momente, bei denen die Söderbergs ohne Mikrofon nur zur Akustikgitarre sangen, sind bei der Hallengröße bedauerlicherweise passé. 

 

Als Ersatz stimmen die beiden Schwestern dafür gemeinsam mit ihrer Band vorne am Bühnenrand den Schunkler "Hem Of Her Dress" an, und animieren das bis dahin etwas reservierte Publikum zum Mitgröhlen. "Are you drunk?", witzelt Klara. "That would help." 

 

Nach dem Kate Bush-Cover "Running Up That Hill" feuern First Aid kit als Zuagen noch drei ihrer stärkste Stücke ab: Den Countrysong "Rebel Heart", die erste Single von RUINS "Fireworks" und "My Silver Lining" vom Vorgängeralbum STAY GOLD. 

 

Man gönnt First Aid Kit ihren Erfolg vom Herzen und unterm Strich liefern sie an diesem Abend eine eigentlich perfekte Vorstellung  ab. An die vergangenen Auftritte in den kleinen Clubs erinnert man sich anschließend dennoch etwas wehmütig zurück. 

 

Setlist 

Distant Star / It's a Shame / Master Pretender / Stay Gold / The Lion's Roar / You Are the Problem Here / Ugly / Hem of Her Dress / King of the World / Running Up That Hill (Kate Bush cover) / Wolf / Emmylou / Nothing Has to Be True / Encore: Rebel Heart / Fireworks / My Silver Lining

 

Text, Fotos und Video von Christian Düringer