Underground/Köln (26. Oktober 2009)

Hardcore Superstar

Sleaze-Rock schien tot. Hair Metal, ein miefiges Relikt aus den Achtzigern. Zumindest bis sich in den letzten Jahren in Skandinavien eine Szene junger Bands formierte, die unerschrocken dem verpöntesten Genre der Popgeschichte neues Leben einhauchte. Nach fast zwanzig Jahren lähmendem Stillstands wird man plötzlich wieder mit großartigen Riffs und Gitarrensoli bombardiert, als hätte es nie irgendwelche Berührungsängste oder Ressentiments gegeben. Hardcore Superstar ist eine dieser Bands und sie sind gerade auf Deutschlandtour. 

Wie hat man es in den letzten Jahren vermisst. Das Bad im Fremdschweiß, Stiefel und Haare im Gesicht, Blutergüsse, den anschließenden Hörsturz, den üblen Kater am Tag danach – und die Musik. Stilistisch wandeln Hardcore Superstar als eine Art Kreuzung aus dem späten Glam-Metal von Mötley Crüe und den frühen Guns N’Roses versetzt mit einer Prise Trash-Metal nicht gerade auf neuen Pfaden. Auch optisch nicht. Wenn sich Sänger Jocke Berg verdreht mit dem Mikro ins Publikum hängt und den linken Arm mit offener Handfläche gen Hallendecke streckt, weißt seine Silhouette eine frappierende Ähnlichkeit zu der des jungen Axl Rose auf. Der Clou ist aber, dass es ihnen trotz einiger unüberhör- und sehbarer Anleihen gelingt neue Akzente zu setzten und dem in die Jahre gekommenen Generemix eigenständige, großartige Riffs, Melodien, Gitarren-Soli und Songs aus den Rippen zu leiern, die man inzwischen zum Teil durchaus in einem Atemzug mit den Klassikern der Vorbilder nennen kann. 

Live macht das ganze doppelt Spaß. Die Show dauert kaum länger als eine gute Stunde, hat es aber in sich. Das Underground in Köln ist brechend voll. Übrig gebliebene Nostalgiker, die sich an wilde Jugendtage erinnern wollen, sind deutlich in der Minderheit und verlieren sich im Pulk einer neuen Generation Metal-Kids, die sich bereits im Vorfeld der Tour via Facebook-Gruppen angekündigt hatten. Anders als bei diesjährigen Auftritten von den Dinosauriern der Szene wie Metallica und ACD/DC kommt es bei Hardcore Superstar nicht einen Moment lang so etwas wie andächtige Geschichtsstundenatmosphäre auf und das sonst obligatorische Handygeknipse bleibt aus. Die fünf Schweden sind eben noch keine Touristenattraktionen, von denen man dringend Beweisfotos machen müsste. Testosterongeladene Energie und nötige Dezibel pumpen die Singles "We Don't Celebrate Sundays" und "Into Debauchery" live zu Übergröße auf und blasen einen schlicht um. Der neue Gitarrist Vic Zino ist eine echte Bereicherung und Bergs Gesangsperformance auf der Bühne klingt trotz schweißtreibender Show technisch einwandfrei. Der Beweis ist erbracht: Sleaze-Rock ist untot.