Foto: Christian Düringer
Foto: Christian Düringer

Hellsongs

KFZ/Marburg (8. Mai 2010)

Hellsongs sind wieder auf Deutschland-Tour. Oder immer noch? Viel getan hat sich nicht, seitdem die sympathische Band aus Göteborg letztes Frühjahr ihr Album HYMNS IN THE KEY OF 666live in Deutschland vorstellte (siehe unten). Auf der inzwischen nachgelegten EP PIECES OF HEAVEN, A GLIMPSE OF HELL wurden zwar noch die letzten Aufnahmen mit Sängerin Harriet Ohlsson veröffentlicht, auf wirklich neues Material mit deren inzwischen seit 2008 als Frontfrau agierenden Nachfolgerin Siri Bergnéhr wartete man bisher aber vergeblich.

So ist die selbsternannte "softest Metal Band in the World..." auch an diesem Abend in Marburg wieder in gewohnter Mission unterwegs, brachialen Heavy Metal-Klassikern den Zahn zu ziehen und sie in ihr akustisches Lounge Metal-Gewand zu stecken. Zu den Höhepunkten ihrer Axis of Acoustics-Tour gehören inzwischen schon beinahe routinemäßig Metallicas Seek And Destroy sowie Run To The Hills von Iron Maiden. Auch die beschwingte Adaption von Megadeths Symphony Of Destruction wird begeistert aufgenommen.

Kalle Karlsson, Gitarrist und Kopf der Band, animiert das Publikum des ausverkauften KFZ fleißig mit charmantem deutsch/schwedischem IKEA-Akzent zum Mitsingen, Mitklatschen und Mitschnipsen. Verstärkt wird das bisherige Trio zudem neuerdings durch Leo Skäggmansson, der mit Dobro und Steel-Guitar einige neue und bisher ungewohnte Akzente setzten kann. Anders als von den Aufnahmen ihrer Vorgängerin gewohnt, interpretiert Siri Bergnéhr die Songs live weniger melancholisch, subtil und introvertiert. Fröhlich tanzend, augenzwinkernd mit nietenbesetzten Accessoires ausgestattet, geraten manche der einst so derben Vorlagen dann doch etwas zu niedlich nett und rutschen mitunter nur knapp an einer Parodie vorbei. Bei der Marburger Zuhörerschaft kommt der schwedische Lounge Metal aber bestens an.

Bleibt die Frage, wie lange die Band noch so konsequent an diesem inzwischen nicht mehr ganz so taufrischen Konzept festhalten kann. Beliebig oft wird sich dieses Strickmuster sicher nicht ohne Ermüdungserscheinungen wiederholen lassen. Womöglich hat die ehemalige Kollegin Harriet Ohlsson die Zeichen der Zeit früh genug erkannt. Seit Anfang 2010 etabliert sie ihr Solo-Projekt "Oh, Harry" und setzt dabei ausschließlich auf Eigenkompositionen.


Nachtleben/Frankfurt am Main (25. April 2009)

In Zeiten, in denen Popmusik vermeintlich alle Felder ausreichend beackert hat, ist geschickte Zweitverwertung das Gebot der Stunde. Vor allem Musik aus Nischen, die der breiten Masse bisher kaum zugänglich war, wird benutzerfreundlich aufbereitet. Die französische Band Nouvelle Vague nimmt sich New-Wave- und Punk-Klassiker vor und präsentiert sie in hübschem Bossa-Nova-Gewand, Richard Cheese imitiert als Frank Sinatra-Double in Las Vegas Alternativesongs und Iron Horse aus Alabama schrauben den Hardrock von Led Zeppelin, Guns N’ Roses und Van Halen als Bluegrass-Versionen neu zusammen

Skandinavien war seit jeher eine Heavy Metal-Hochburg. Es liegt also auf der Hand, welche Sparte sich das schwedische Trio Hellsongs auf ihrem ersten Album mit dem bezeichnenden Titel HYMNS IN THE KEY OF 666 zum Recyceln vorgeknöpft hat. Als Lounge Metal bezeichnen sie selbst ihren Stil, der es darauf anlegt, Genre-Klassikern konsequent die Zähne zu ziehen und sie in ihr musikalisches Gegenteil zu transformieren. Langhaarigen Kuttenträger dürfte das Blut in den Adern gefrieren.

Slayers Seasons in the Abyss ist als schwermütige Piano-Ballade nicht wieder zu erkennen, das böse We’re Not Gonna Take It, ursprünglich von den Twisted Sisters, versteht es plötzlich liebenswürdig zu bezirzen und Iron Maidens Run To The Hills wird zu einem beschwingten Sommerhit in schwedischen Radiostationen. Die zarte Stimme von Sängerin Harriet Ohlsson schwebt durch die Songs und führt die die einstige Männerdomäne schon alleine durch ihre bezaubernde Anwesenheit ad absurdum. Bedauernswert, dass sie kurz vor der Europatour ihren Ausstieg bekannt gibt und auf der winzigen Bühne des Frankfurter Nachtleben bereits durch Siri Bergnéhr ersetzt wird.

Die ehemalige Backroundsängerin der Band bemüht sich sichtlich um eine adäquate Nachfolge und präsentiert die vom Album bekannten Songs vergleichsweise fröhliche und temperamentvoll. Ungewohnt auch das Fehlen des charmanten Akzents ihrer Vorgängerin. Neben Bergnéhr garniert der sympathische Bandchef Kalle Karlsson die Show von Beginn an mit allerlei Mitmach-Sperenzchen. Als fürchte er sein Publikum zu langweilen, versucht er lieber jeden Anflug von Langeweile bereits im Keim ersticken. Die Motivation der Band, ein Gute-Laune-Happening heraufzubeschwören, sorgt dafür, dass die Album-Interpretationen live erneut uminterpretiert werden. Ironisch gebrochen und verniedlicht verlieren sie weitgehend ihren melancholisch dunklen Charme, tauschen Ernsthaftigkeit gegen launige Nettigkeit ein und wecken so Zweifel an einem aufrichtigen Interesse des Originalkontexts. Spätestens als alle vergnügt im Kollektiv auf Karlssons Kommando die Hand zu Megadeths Symphony Of Destruction zum Satansgruß erheben, wird die Metal-Hommage endgültig auch ein Stück weit zur unfreiwilligen Parodie.

Letztendlich überzeugen die Hellsongs vor allem in ruhigen Momenten auch auf der Bühne mit ihren geschickten und wohl bedachten Arrangements. Nie werden plump die Vorbilder kopieret, alles wird liebevoll um- und neu zusammengbaut. Spannend wird sich die Weiterentwicklung der Hellsongs gestalten, wenn es denn eine gibt. Beliebig oft wird sich ihr aktuelles Strickmuster sicher nicht ohne Ermüdungserscheinungen wiederholen lassen. Die im November erscheinende EP Pieces Of Heaven, A Glimp Of Hell setzt aber noch mal voll auf das Lounge-Metal-Konzept und enthält die letzten Aufnahmen mit Sängerin Harriet Ohlsson.