Wunderbar Weite Welt/Eppstein (22. Februar 2017)

Der sträflich unterschätzte James McMurtry ist endlich zurück in Europa

(Text, Fotos und Video: Christian Düringer)
(Text, Fotos und Video: Christian Düringer)

Er ist seit Jahren einer den bedeutendsten Vertreter US-amerikanischer Rootsmusic. Leider bekommt das hierzulande kaum jemand mit. Oder zum Glück, wenn man es aus der Perspektive der wenigen Eingeweihten betrachtet, die dadurch die Gelegenheit hatten, den texanischen Songwriter `James McMurtry in kleiner Runde in einer Bar bei Frankfurt live zu erleben. 

 

Die Crew ist sichtlich stolz, dieses Konzert an Land gezogen zu haben. Anstatt schnöder Eintrittskarten erhält man am Eingang eigens für diesen Abend gestanzten Buttons. Mit James McMurtry ist dem kleinen Laden "Wunderbar Weite Welt" im beschaulichen Eppstein zwischen Wiesbaden und Frankfurt allerdings auch ein echter Coup gelungen. Und das schon zum zweiten Mal. Bereits vor sieben Jahren war er hier. 

 

Seit Ende der 80er-Jahre ist der Songwriter aus Austin/Texas einer der bedeutendsten Vertreter von Americana und Rootsmusic. In den USA zumindest auf dem Indie-Sektor eine preisgekrönte Größe in seinem Metier, der sich hinter Namen wie Guy Clark und Steve Earl nicht zu verstecken braucht, ist McMurtry in Europa bestenfalls ein Geheimtipp. Das liegt allerdings auch schlicht daran, dass er äußerst selten hierzulande unterwegs und vornehmlich in den USA präsent ist. 

Das Publikum profitiert vom beschauliche Rahmen für einen großen Künstler

Für die eingeweihten Besucher an diesem Abend ist das fraglos umso besser. Ihnen bietet sich dadurch die exklusive Gelegenheit, einen wirklich herausragenden Musiker seines Fachs in kleiner Runde live zu erleben. Die "Wunderbar Weite Welt" liegt im Obergeschoss des hübsch sanierten Provinz-Bahnhofs der Stadt, der immerhin eine direkte S-Bahn-Verbindung nach Frankfurt vorweisen kann.

 

Bis kurz vor Beginn wird dort noch fleißig vorzügliches Essen serviert und man fragt sich, wie hier gleich ein Konzert stattfinden soll. Gegen Acht wird dann aber eng zusammengerückt und das Restaurantambiente kurzerhand zum Club umfunktioniert. Die Organisation verläuft vorbildlich. Man sieht, dass man hier Erfahrung damit hat. 

Foto: Christian Düringer
Foto: Christian Düringer

Jams McMurtry, Jahrgang 1962, betritt pünktlich die kleine Bühne. Flankiert wird er von seiner dreiköpfigen Band, die aus Tim Holt an Gitarre und Akkordeon, "Cornbread" am Bass und Daren Hess an den Drums besteht. Schnörkellos beginnen sie ihr Set. So wortgewandt McMurtry seine Qualitäten als Storyteller in seinen Songs auslebt, so lakonisch gibt er sich dazwischen. Seine ohnehin kurz gehaltenen Ansagen zischt er nur mal eben durch die Zähne, bevor es weiter geht. Was er zu sagen hat, sagt er mit seiner Musik und seinen Lyrics und das ist auch für alles okay so. Seine Band spielt ungemein songdienlich und die Musiker selbst halten sich während der kompletten Show stets dezent im Hintergrund. 

Als "The most vital lyricist in Amrica today" beschrieb ihn BBC-Moderator Bon Harris einmal treffend. McMurtrys Songs sind berührende Kurzgeschichten, bevölkert mit nuancierten Protagonisten, die mal von verflossenen Liebschaften erzählen, mal politische Themen aufgreifen oder einfach skurrile und tragische Erlebnisse aus dem Leben abbilden. Sein Talent hat er zweifellos von seinem Vater Larry Jeff McMurtry geerbt, der als Schriftsteller und Drehbuchautor mit nicht weniger als Pulitzer-Preis und Oscar dekoriert wurde.   

Foto: Christian Düringer
Foto: Christian Düringer

McMurtry spielt sich durch all seine Schaffensphasen, mit besonderem Augenmerk auf seine letzte LP

McMurtry spielt sich während des Abends durch seine gesamten Schaffensphasen, wobei den Songs seines letzten und vielleicht bisher besten Albums "Complicated Game" von 2015 ein eigener Block vor der Pause gewidmet wird. Im Sprechgesang pumpt er sich hier durch das treibende "How'w I Gonna Find You Now". "This life that we craved so little we saved between the grandparents graves and the grandchildren's toys" singt er anschließend im melancholischen "Copper Canteen", das von einer zu früh geschlossenen Ehe und den damit verbundenen Problemen handelt. Im grandiosen "You Got To Me" lässt er seinen Protagonisten vor der dem Hintergrund einer Hochzeit, auf der er selbst zu Gast ist, in Erinnerungen an eine frühe, nicht erwiderte Liebe schwelgen. 

Das Publikum der ausverkauften "Wunderbar Weiten Welt" klebt an McMurtrys Lippen und die clever arrangierten Songs bieten auch musikalisch viele Facetten. Nachdem man in der Pause beim Pinkeln mit der Band Bekanntschaft schließen konnte, startet der zweite Teil mit McMurtrys wohl bekanntester Nummer, "Choctaw Bingo", die trocken als "A song about the North Texas, Southern Oklahoma, crystal methamphetamine industry" angekündigt wird und vom Publikum bestens angenommen wird. Überhaupt scheinen die älteren Stücke wie auch "Painting By Numbers" vertrauter zu sein. Sie heimsen besonders viel Applaus ein.

 

Nach 17 Songs lässt sich McMurtry dann nur noch zu einer Zugabe bitten. "Peter Pan" spielt er alleine auf einer Akustikgitarre. Dann ist Schluss. Immerhin bleibt so noch entspannt Zeit, um in der lockeren Atmosphäre Autogramme zu schreiben. Ein rundum gelungener Konzertabend, auf den man in Eppstein dank der perfekten Umsetzung zu Recht stolz sein kann.  

 

Text und Bildmaterial von Christian Düringer