Kinky Friedman in Germany (Foto: Christian Düringer)
Kinky Friedman bei seinem einzigen Deutschlandkonzert in Mainz (Foto: Christian Düringer)

Frankfurter Hof/Mainz (2. Mai 2013)

Kinky Friedman

Storytelling beim einzigen Deutschland Konzert vom Enfant terrible des Country

"The Germans are my second favourite people. My first is everybody else," scherzt Kinky Friedman gerne und auch heute Abend auf der Bühne in Mainz wieder. Kein Wunder, könnte man meinen, dass er seit 1999 nicht in Deutschland aufgetreten ist und auch dieses Mal für nur ein Konzert auf seiner "Bipolar World Tour" hier Station macht. Von echter Aversion ist beim Auftakt des jüdischen Kulturfestivals "Hip im Exil" im Frankfurter Hof aber nichts zu spüren - im Gegenteil, er bescheinigt den Deutschen sogar Humor. 

 

Country-Musiker, jüdischer Cowboy, Krimi-Autor, Storyteller, Aphoristiker, Querulant, Tierschützer, passionierter Zigarrenraucher, Tequila-Brenner und beinahe Gouverneur von Texas. Kinky Friedman, der von Eingeweihten nur kurz "Kinkster" genannt wird, hat viele Gesichter. Mit seinem vordergründig reaktionär erscheinenden Image des texanischen Vorzeige Macho-Cowboys einerseits und seiner unbändigen Provokationslust und dem Talent, gerade den Scheuklappen tragenden, engstirnigen Hardlinern jeglicher Couleur den Spiegel vorzuhalten andererseits, schafft er seit jeher eine kontroverse Projektionsfläche, die gesellschaftliche Klischees Amerikas gleichzeitig bedient und bricht.

"I don't want to say 'fuck" in front of a C-H-I-L-D."

Mit dieser Widersprüchlichkeit kokettiert er gerne. Bill Clinton zählt er ebenso zu seinen Freunden wie George W. Bush. Kinky Friedman eckt gerne an und allen Recht machen will er es schon gar nicht. Unangepasstheit ist sein Lebensmotto, politische Korrektheit ein Greul. Mit schwarzem Stetson, dunklem Mantel, Akustikgitarre, der obligatorischen Havanna zwischen den Fingern und einem Glas seines selbstgebrannten "Man in Black"-Tequilas steht Friedman auf der sonst leere Bühne, die in dezentes Rot getaucht ist. Seit Ewigkeiten hat er keine neuen Songs geschrieben und seine Karriere als Musiker bestenfalls auf Sparflamme am Köcheln gehalten. Entsprechend gerät die Setlist zum Best Of... seiner drei essentiellen Alben, die er Mitte der 70er veröffentlichte, gerade nachdem Gram Parsons und die Outlaw-Bewegung um Willie Nelson die Country-Musik von ihrer Piefigkeit befreit hatten und Leuten wie Friedman den Weg geebnet hatten.

 

Zu jedem Song erzählt Friedman in bester Storyteller-Manier freimütig seine Anekdoten, was dann in etwa so geht: "When I wrote the next song 'Nashville Casualty & Life' I was high, so high I needed a stepladder to scratch my ass". "Get Your Biscuits in the Oven and Your Buns in the Bed" habe ihm 1974 den Titel "Male Chauvinist Pig of the Year" eingebracht, verliehen von der "National Organization for Women", für die er der personifizierte Sexist gewesen war. "Yes, it's true, I'm the sexiest", kommentierte Kinky seinerzeit trocken und nahm den Award stolz an. Vor "Old Man Lucas" fragt er, ob Kinder im Saal seien. "I don't want to say 'fuck" in front of a C-H-I-L-D." Und so geht es munter weiter, ganz nach dem Geschmack seiner Anhängerschaft. Zu den 200 Besuchern im Frankfurter Hof gehören langjährige Fans des Kinkster wie Journalist Franz Dobler, der Autor Jonas Engelmann und Kinkys deutscher Verleger Klaus Bittermann.

"Do ya wanna hear my definition of politics? 'Poly' means more than one and 'ticks' are blood sucking parasites."

Einige Hintergrundinformationen sollte man jedoch parrat haben, um etwa die Gags über Rick Perry zu verstehen. Der Gouverneur von Texas war Friedmans Konkurrent bei den Wahlen zum höchsten Amt im Lone Star State 2006. Nächstes Jahr will Friedman mit 69 Jahren noch einmal gegen ihn antreten und falls es wieder nicht klappen sollte habe er in seinem Testament vermerkt, dass wenigstens seine Asche in Rick Perrys Haaren verstreut werden solle. Politiker sei er ohnehin nie gewesen und darauf sei er stolz, sinniert er beim Blick auf das Tequila-Glas in seiner Hand. "Do you wanna know my definition of politics? 'Poly' means more than one and 'ticks' are blood sucking parasites." Bei den Wahlen 2006 stimmten immerhin 13 % der Texaner für den parteilos angetretenen Friedman. Die Demoskopen hatten ihm kurz vor der Wahl noch ernsthafte Siegchancen eingeräumt und sahen ihn zwischenzeitlich sogar bei 21 % auf Platz zwei. Als berüchtigter Berufszyniker musste er jedoch immer wieder erklären, dass seine Kandidatur kein Witz sei und daran ist er womöglich am Ende gescheitert.

 

Ein bisschen Wahlkampf fern der Heimat betreibt der Kinkster auch heute Abend. Zu seinen erklärten Zielen gehören unter anderem die drastische Eindämmung von Lobbying in der Politik, das anheben von Lehrer-Gehältern, finanziert durch legalisierte Glücksspielgewinne ("We invented Texas Hold 'em and we can't even play it. That's sucks.") und die Legitimierung der Homo-Ehe. "Denen soll es auch nicht besser gehen als uns Heteros", witzelt er. Und die Legalisierung von Marijuana würde nicht nur tausende Gefängniszellen leeren und Kosten einsparen, sie würde auch seinen Freund Willie Nelson riesig freuen. Zweifellos ein schlagendes Argument. Friedman schrieb jüngst das Vorwort zu Nelsons Buch "Roll me up and smoke me when I die".  

 

Mitten im Set baut Friedman eine 12-minütige Lesung aus seinem Buch "Heroes of a Texas Childhood" ein. Kein Roman, sondern ein autobiografischer Essayband, aus dem er ein Kapitel über die Erlebnisse seines Vaters als Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg vorträgt: "Tom, the Navigator". Ein eher nachdenklicher Teil des Abends. Anschließend dürfen Hits wie "Proud to Be an Asshole from El Paso", eine Persiflage auf Merle Haggards "Okie from Muskogee", nicht fehlen. Auch sein vermutlich berühmtester Song, "They Ain't Makin' Jews Like Jesus Anymore", wird zur Freude seiner Fans noch gespielt. Polemiker und Kinky-Fan Wiglaf Droste beschrieb das Stück einst als einen grandios zugespitzte An- und Absage an Antisemiten, die, kaum würden sie zur Rede gestellt, selbstverständlich nicht das sein wollten, was sie seien. Dass die Juden nicht mehr jesusmäßig die andere Wange hinhielten, wie es ihnen Leuten nachsagen, die ihnen infamerweise zumindest eine Mitschuld am Holocaust zuschieben wollen, sei auch heute und für alle Zeiten eine schöne Botschaft an die Welt.

 

Dann verlässt Friedman die Bühne, schüttelt ein paar Hände, um im Foyer noch geduldig Bücher und Platten zu signieren. Das Konzert mit Storytelling und Lesung wird damit noch um ein Meet-and-Greet ergänzt. Das nächste Mal dann bitte nicht erst wieder in 15 Jahren und am besten als Governor of Texas.