Bowling Green/Wiesbaden (3. September 2010)

Leonard Cohen

Foto: Christian Düringer
Foto: Christian Düringer

In zwei Wochen wird Leonard Cohen 76 Jahre alt. Ungläubig resümiert eine Besucherin seines Konzerts in Wiesbaden bereits in der Pause, er singe heute eigentlich besser als je zuvor. Und tatsächlich dürfte Leonard Cohens Bariton selten eindringlicher geklungen haben als auf dieser Comeback-Tour, die ihn nach über 15-jähriger Bühnenabstinenz seit Mai 2008 nun bereits zum zweiten Mal nach Deutschland führt.

Um 19 Uhr betritt die neunköpfige Band die Bühne auf dem altehrwürdigen Bownling Green vor dem Wiesbadener Kurhaus. Kurz darauf folgt mit Cohen eine der letzten noch aktiven Koryphäen der so einflussreichen Singer-Songwriter Generation, die seit den 60er Jahren Publikum wie Kritiker gleichermaßen begeisterte und eine Vielzahl von nachgeborenen Musikern prägte. Zu Cohens zahlreichen Verehrern zählen heute unüberhörbar Künstler wie Nick Cave, Rufus Wainwright und Michael Stipe. Seine Songs wurden von Jeff Buckley, U2, Justin Timberlake, Beck, Jarvis Cocker und dem späten Johnny Cash gecovert und Kurt Cobain beschrieb den melancholischen Zauber von Cohens Musik so treffend im Nirvana-Song "Pennyroyal Tea" mit der Zeile: "Give me a Leonard Cohen afterworld, so I can sigh eternally."

In schwarzem Anzug und tief sitzendem Hut eröffnet Cohen mit "Dance Me To The End Of Love" sein Set, als über dem Kurhaus gerade die Sonne langsam unter geht. "The Future" und "Waiting For The Miracle" dürfte jüngeren Zuhörern in den 90er Jahren zum Einstig ins Cohen-Universum verholfen haben, als Oliver Stone die beiden Tracks mit beeindruckend-verstörender Videoclipästhetik in seinen umstrittenen Film "Natural Born Killers" einbaute.

"Ich weiß nicht, wann wir wieder hier vorbeikommen werden", sagt Cohen augenzwinkernd. "Aber heute Nacht werden wir alles geben." Natürlich wird es aller Voraussicht nach sein letzter Auftritt hier heute Abend sein. Darüber ist sich sowohl Cohen als auch seine 9000 Zuhörer im Klaren. Den ohnehin so elegischen Liedern verleiht dieser Umstand damit zusätzliche Dramatik. In sich gekehrt, meist mit geschlossenen Augen und sparsamen Gesten trägt Cohen einen Querschnitt seines Werkes vor. Anders als etwa sein Kollege Bob Dylan scheut Cohen dabei nicht davor zurück auch die nostalgischen Bedürfnisse seines Publikums zu bedienen. "Suzanne", "Chelsea Hotel #2" oder "Bird On A Wire" spielt Cohen mit seiner Band originalgetreu, ohne sie neu zu interpretieren. Cohens letzte offizielle Albumveröffentlichung liegt Jahre zurück. Dennoch gibt es mit "The Darkness", "Born In Chains" und "Feels so good" auch neue Songs zu hören.

Seine sonore Stimme ist im Laufe der Jahre noch etwas tiefer geworden und hat nichts an ihrer ergreifenden Präsenz eingebüßt. Immer wieder sinkt Cohen während seiner Lieder auf die Knie. Die einzigen großen Gesten, die er sich heute erlaubt. Ansonsten wirkt er beinahe demütig, wenn er zwischen den Stücken kurz inne hält, seinen Hut auf die Brust drückt und den Applaus des ehrfürchtigen Wiesbadener Publikums genießt, das er mit "dear Friends" anspricht. Aber auch Cohens typische trocken eingestreute Selbstironie gehört dazu. "I'll wear an old man’s mask for you", dichtet Cohen etwa kurzerhand eine Zeile von "I'm Your Man" um. Dabei zieht er schelmisch seinen Hut und offenbart grinsend sein ergrautes Antlitz.

Aufrichtig bescheiden würdigt er immer wieder seine Band und gewährt jedem Musiker viel Raum für Soloeinlagen. Roscoe Beck (Bass), Neil Larsen (Keyboard), Cohens altem Weggefährte Bob Metzger (Gitarre), dem besonders bejubelten Javier Mas aus Barcelona (Laute), Rafael Gayol (Percussion) und Dino Soldo (Saxophon, Harps) gelingt es, trotz teils üppiger Instrumentierung, die von Cohen aufgebaute Intimität nicht zu stören sondern zu fördern. Als perfekt eigespieltes Ensemble schaffen sie mit präzisen Arrangements einen stimmigen Rahmen für Cohens Poesie. Sharon Robinson, Songschreiberin und Co-Autorin zahlreicher Cohen-Songs, kontrastiert gemeinsam mit den Sängerinnen Charley und Hattie Webb Cohens Stimme mit lieblichem Harmoniegesang und fungieren darüber hinaus wechselweiße als Duett-Partnerinnen. "Let Me See Your Beauty", flirted Cohen in "Dance Me To The End Of Love".

Drei Mal kommt Cohen zurück, um insgesamt sieben Zugaben zu spielen. Darunter das unverzichtbar wie wunderbare "So Long, Marianne". Inzwischen sind satte drei Stunden vergangen. Hunderte Fans haben ihre Sitzplätze auf dem Bowling Green aufgegeben, um dem Meister zum Abschied direkt vor der Bühne zu huldigen. Mit "Closing Time" und "I Tried To Leave You" versucht Cohen höflich das Ende der Show einzuläuten, wird jedoch ein weiteres Mal begeistert auf die Bühne applaudiert. Nach "Heart With No Companion" tänzelt Cohen dann endgültig von der Bühne und Wiesbaden verabschiedet ihn mit einem gigantischen Feuerwerk über dem Kurhaus.

Leonard Cohen setzt sein würdevolles und künstlerisch-souveränes Comeback auf den Konzertbühnen dieser Welt fort. Es funktioniert deshalb so unglaublich gut, weil seine Kunst immer losgelöst von juvenilen Modetrends funktionierte und an keinen bestimmten Zeitgeist gebunden ist. Man hat zu keiner Sekunde das Gefühl ein Denkmal zu bewundern, dass man eigentlich besser vor 30 Jahren live hätte gesehen haben müssen. Das im vergangen Jahr erschienen Dokument zur laufenden Tour "Live In London" beweist, Leonard Cohen hat den Zenit seines Schaffens noch immer nicht überwunden. In zwei Wochen wird er 76 Jahre alt.


Setlist und Fotos vom Bühnenaufbau aus Wiesbaden