Foto: Christian Düringer
Foto: Christian Düringer

Folklore Festival/Wiesbaden (28. August 2010)

Tocotronic

Kaum eine Band schafft es so gut ihr Publikum synchron zur eigenen Entwicklung mit altern zu lassen wie Tocotronic. In den 90er Jahren lieferten sie in Trainingsjacken-Outfits mit rumpelndem Indie-Sound und parolenhaft-verkopften Texten den deutschsprachigen Soundtrack für all die Jugendlichen, die sich in ihrer Andersartigkeit cool finden wollten und nach entsprechendem Identifikationsmaterial lechzten. "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" hieß es damals. Die Hamburger Schule als Hort einer zarten, alternativen Gegenkultur.

Wenn Tocotronic an diesem Abend als Headliner des Wiesbadener Folklore Festivals Lieder aus diesen Tagen anstimmen, sind das wohlige Nostalgietupfer aus vergangenen Tagen mit Abifetencharakter, die nicht mehr so recht ins Bild passen wollen. Tocotronic leben aber auch glücklicherweise nicht von ihrer Vergangenheit und lassen Kompositionen der jüngeren Bandgeschichte das Set dominieren. Zu Beginn stimmt Dirk von Lowtzow mit "Eure Liebe tötet mich" und "Die Folter endet nie" bereits gleich zwei Songs des aktuellen Albums "Schall und Wahn" an.

Tocotronic haben es irgendwie immer geschafft ihren Senf zu aktuellen gesellschaftlich relevanten Themen anzugeben, eine Gegenposition zu zelebrieren. Das hat sie frisch gehalten. Anspielungen werden heute subtiler eingestreut und eher zwischen Zeilen von Songs wie "Aber hier leben, nein danke" und "SDS" gemischt.

Der Altersschnitt der knapp 9000 Zuschauer, die trotz des nasskalten Wetters den Weg aufs Schlachthofgelände gefunden haben, ist im Vergleich zu regulären Toco-Auftritten erstaunlich niedrig. Jüngere Singles wie "Mach es nicht selbst" und "Kapitulation" werden daher fast begeisterter aufgenommen als die die alten Hymnen. Das von Drummer Arne Zank mit charmant zur Schau getragenem Dilettantismus vorgetragene "Bitte gebt mir meinen Verstand zurück" scheint all die zu irritieren, die das Jahr 1996 nur aus Kindheitserinnerungen kennen. Angesichts der ansonsten inzwischen so ausgefeilten Arrangements, des dank der Verstärkung des Berliner Gitarristen Rick McPhail fast opulenten Sounds und Lowtzow feingesitigeren Texte fallen solche Rückblenden sympathisch aus dem Rahmen. Schön aber, dass es die Band ins Hier und Jetzt geschafft hat und immernoch der hellste Stern des ansonsten düsteren deutschen Pop-Himmel sind.