Dinosaur Jr. (Foto: Christian Düringer)
Im Wiesbadener Schlachthof beweisen Tocotronic, dass sie trotz ihrer 25 Jahre alles andere als ein Nostalgie-Act sind. (Foto: Christian Dueringer)

Schlachthof/Wiesbaden (12. März 2018)

Tocotronic - Die Trainingsjacke passt noch

Tocotronic zeigen in Wiesbaden, wieso man mit ihnen so fantastisch altern kann. Sie haben 25 Jahre erfolgreiche Bandgeschichte im Gepäck. Mehr als genug Hits eigentlich, um Jugendliche von einst in Erinnerungen schwelgen zu lassen. Trotzdem sind sie alles andere als ein langweiliger Nostalgie-Act mit Greatest Hits-Repertoire. Das macht sie zur besten deutschen Band der Gegenwart, denn in der sind sie besser denn je.

 

Es klingt ein wenig doof, als ich mich nach dem Konzert schulterklopfend bei Dirk von Lowtzow für den gelungenen Abend bedanke und meine: "Ihr werdet immer besser!" Gemeinsam stolpere ich mit dem Chef-Toco um kurz vor Mitternacht über die verwaiste, glitschige Eingangschleuße aus dem Wiesbadener Schlachthof in den milden März-Abend. "Siehst du Dirk, es wird noch was", lacht seine weibliche Begleitung. Aber ich meine es tatsächlich ernst. Zumindest habe ich sie nie besser erlebt und alleine im Schlachthof habe ich Tocotronic an diesem Abend bereits zum dritten Mal in den letzten zwanzig Jahren gesehen.  

 

Als ich wenige Stunden zuvor in der anderen Richtung am Security Gate in der Schlange stehe, bin ich noch skeptisch. Ich belausche gezwungenermaßen öde Gespräche über veganes Frühstück oder wenigstens Biofleisch aus der Region als Kompromiss. "Pure Vernunft darf niemals siegen" hieß vor 13 Jahren Tocotronics siebtes Studioalbum. Ist das schief gelaufen? Sind Tocotronic anno 2018 vielleicht genauso langweilig wie ich in diesem Moment ihr Publikum wahrnehme? Weder noch, wie sich zum Glück herausstellen wird.

 

"Teenage Riot im Reihenhaus"

 

Pünktlich um 21 Uhr betreten Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank die Bühne. Gitarrist Rick McPhail natürlich auch. Der gebürtige US-Amerikaner wirkt immer noch wie der Neue, obwohl er bereits seit 2004 festes Mitglied der Band ist und Tocotronic längst zum Quartett gemacht hat. Dass er gerade live Gold wert ist und der Band einen im Vergleich zum schrammeligen Gelärme von früher wesentlich druckvolleren, komplexeren und transparenteren Sound verpasst, beweist er einmal mehr gleich bei den ersten Songs. Die kommen vom neuen, autobiografisch angehauchten Album "Die Unendlichkeit". 

 

Besonders "Electric Guitar" wird dabei von den Fans im fast ausverkauften Schlachthof bereits wie ein Klassiker gefeiert. "Teenage Riot im Reihenhaus", singt von Lowtzow über seine Jugend und meint damit natürlich auch die seiner Zuhörer an diesem Abend. Mit der gleichen schonungslosen Ehrlichkeit wie Mitte der 90er hält von Lowtzow seinem Publikum auch als Mittvierziger den Spiegel vor und bietet ihm immer noch größtmögliches Identifikationspotential.

 

Auch nach 25 Jahren noch kein Greatest-Hits Act

 

Anstatt nach bewährtem Rezept anderer Künstler mit langer Historie Nostalgie aus den eigenen alten Hits aufzukochen und sie den Fans immer wieder aufs neue vorzusetzen, bleiben Tocotronic stets in der Gegenwart und schauen notfalls von dort aus zurück. Ein genialer Schachzug, der sie davor bewahrt, einer dieser schnöden "Greates Hits"-Acts zu werden. "Manic Depression im Elternhaus": Erinnerungen an früher, aber in neuen, herausragenden Songs, aus anderer Perspektive und musikalisch ausgereifter denn je. 

Okay, Crowd Pleaeser und Nostalgie gibt es natürlich auch, aber sie dominieren nicht. Neben von Lowtzows Adidas-Trainingsjacke als Hommage an alte Zeiten fügen sich Klassiker wie "Drüben auf dem Hügel" aus der Frühphase oder "This Boy Is Tocotronic" so perfekt mit den neuen Stücken zu einem Gesamtbild, als lägen bestenfalls ein paar Jahre dazwischen. Dabei feiern Tocotronic dieses Jahr tatsächlich bereits ihr 25. Jubiläum.

 

Der Dorian Gray des Pop

 

Aussehen tun sie fast noch wie immer, nur eben, naja, älter. Von Lowtzow ist ergraut und Zank trägt Vollbart. Nur bei Jan Müller scheint die Zeit still zu stehen. "Der Dorian Gray des Pop", witzelt von Lowtzow bei der Vorstellung der Band in Anspielung auf Oscar Wildes ewig jungen Romanhelden. Für Tocotronic als Band gilt das nicht. Sie altern und mit keiner anderen Band kann man so schön mitaltern.   

 

Politische Statements kommen auch nicht zu kurz. Die Band trägt geschlossen Gitarrengurte in Regenbogenfarben und aus "Aber hier leben, nein danke" macht von Lowtzow ein Pamphlet gegen Fremdenhass. Das recht gemischte Publikum entpuppt sich indes als keineswegs so lahmarschig wie befürchtet und ist nicht zu alt für einen vorzeigbaren Moshpit bei den punkigen Songs. Außer mir spielen auch erfreuliche wenige Spackos mit ihren Handys rum. 

 

Einer der eindrücklichsten Momente des Konzerts entsteht, als von Lowtzow abrupt auf die Bremse drückt, alleine zur Gitarre greift und "Unwiederbringlich" spielt. Eine Erinnerung an einen früh verstorbenen Jugendfreund aus der schwarzwälder Heimat, der auch die Band noch auf frühen Tourneen begleitete. 

 

Wiesbadener lassen Tocotronic nicht von der Bühne

 

"Alles was ich immer wollte war alles" ist ein weiteres neues Stück, das bereits jetzt nicht mehr aus dem Toco-Universum wegzudenken ist und so wird es auch trotz Textwackler aufgenommen. "Let There Be Rock", das live ohne die "The Final Countdown"-Fanfare auskommen muss, gehört ebenso zu den weiteren Highlights wie "Letztes Jahr im Sommer" und "Freiburg", die als Zugaben nachgelegt werden.

 

Mit frenetischem Jubel gelingt es den begeisterten Wiesbadenern sogar die Band ein drittes Mal auf die Bühne zu brüllen, als längst die Abschlussmusik vom Band läuft und das Licht angegangen ist.  

Ich bleibe dabei. Live waren sie nie besser und ihrer Diskografie haben sie mit "Die Unendlichkeit" ein weiteres relevantes Kapitel hinzugefügt. Und das ist nicht selbstverständlich für eine 25 Jahre alte Band.