Billy Gibbons of ZZ Top (Foto: Christian Düringer)
Foto: Christian Düringer

Stadtpark/Hamburg (30. Juni 2013)

ZZ Top & The Ben Miller Band

Routinierte Headliner mit furiosem Support

Supportbands werden ja meist eher höflich ertragen oder bestenfalls wohlwollend geduldet. Die Ben Miller Band aus Joplin/ Missouri sorgte aber bereits in den USA im Vorprogramm von ZZ Top für Furore, sodass die Blues-Rock-Veteranen sie spontan weiter für ihre Europa-Tour buchten. Für Miller wird der Abend zu einem glorreichen Comeback auf deutschen Bühnen. Vor genau zehn Jahren spielte er im studentischen Nachtleben von Marburg erstmals vor Publikum. Aus den damals zwanzig Zuhörern sind 4000 geworden. 


Die Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark ist bereits eng gefüllt, als das Trio gegen 19 Uhr die Bühne betritt und die Aufmerksamkeit von der ersten Minute auf sich zieht. Zunächst mag das an dem breiten und ausgefallenen Instrumenten-Repertoire liegen, das aus teilweise skurrilen, selbstgebauten und improvisierten Eigenkreationen besteht. Drummer Doug Dicharry entpuppt sich schnell als Multinstrumentalist und bgeistert mit seinen eingestreuten Soli am elektronisch verstärkten Waschbrett, Posuane und einem Satz Esslöffel, denen er die irrwitztigsten Töne entlockt.


Scott Leeper bedient einen Washtub One-String-Bass, der nur durch das Bewegen des Halses die Töne variiert, während Miller mit einer aus einer Ziggarenbox montierten Slide-Guitar aufwartet und seine Stimme immer wieder durch ein zum Mikro umfunktionierten, ausrangierten Telefonhörer scheppern lässt. Durch diese Kombination entsteht ein unglaublich facettenreicher und eigenwilliger Sound, der von stampfenden Rhythmen und rasant-pulsierenden Beats getrieben wird. Ein gleichzeitig anachronistisch wie erfrischend wirkender Schmelztiegel amerikanischer Musiktradition. 

 

"Wenn wir in einem Club spielen, dauert es nicht lange, bis sich diese ganz besondere Atmosphäre aufbaut", meint Leeper. "Drei Generationen kommen zu den Shows und tanzen zu unserer Musik. Es ist großartig." Dass der Funke auch auf deutsche ZZ Top Fans auf einem großen Open-Air-Konzert überzuspringen vermag, ist aber nicht zuletzt dem großartigen Songwriting Millers zu verdanken. Die guten Songs bilden die Grundlage für Dicharrys virtuose Performance an Washboard und Spoons, die immer wieder für Szenenapplaus sorgt. "Es ist schwer zu definieren, für was unsere Musik steht. Sie ist enthusiastisch, energiegeladen und stilistisch nicht wirklich zu kategorisieren", weicht Miller der Frage nach Genreschubladen aus.

Tatsächlich reflektiert die Band aus den Ozark Mountains ihre musikalischen Wurzeln vielfältig. Millers Delta Blues und Folk-Backround kopuliert auf der Bühne mit Leepers Country-Wurzeln und Dicharrys Vorliebe für Ska, Punk und Soul. "Wir nennen es Ozark Stomp", versucht Dicharry schließlich der Melange aus Old Time Mountain Music, Blues, Folk, Bluegrass und dem schnellen, tanzbaren Südstaatensound des Zydeco doch noch einen Namen zu geben. In 40 Minuten zieht die Ben Miller Band alle Register und spielt eigene Stücke vom neuen Album HEAVY LOAD und innovative Neuinterpretation von Klassikern wie "House Of The Rising Sun". Zahlreiche neue Fans in Deutschland dürften ihnen sicher sein. 


Neun Jahre lang veröffentlichten ZZ Top kein neues Studioalbum. Es musste erst ein ebenfalls vollbärtiger Produzenten-Guru Namens Rick Rubin auftauchen, um die Texaner zu motivieren. Zum Tourauftakt in Deutschland haben Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard mit La Futura das Ergebnis dieser Zusammenarbeit im Gepäck. Große Innovationen sind dort freilich nicht enthalten. Im Gegenteil, Rubin verstand es hier einmal mehr die Essenz einer Band gefiltert auf LP zu bringen und so klingt das dann auch live: Staubtrockener Boogie-Bluesrock wie aus ihren besten Zeiten zwischen 1975 und 1985. 

 

Und so fügen sich neue Stücke wie "I Gotsta Get Paid" oder "Chartreuse" nahtlos in die Setlist ein, auch wenn logischerweise die Hymnen aus vergangenen Epochen am lautstärksten abgefeiert werden: "Sharp Dressed Man", "La Grange" und "Give Me All Your Lovin'". Auch das Jimi Hendrix Cover "Foxy Lady" und "Jailhouse Rock" vom guten alten Elvis werden vom Publikum, größtenteils ähnlich ergraut wie die Band, euphorisch aufgenommen. Gewohnt lässig und routiniert weiß die Band nach über 40 Jahren Bühnenerfahrung sehr genau, auf welche Knöpfe sie bei ihrem Publikum drücken müssen. Das obligatorisch exzentrische Bühnenoutfit darf bei ZZ Top selbstverständlich auch nicht fehlen. Gibbons und Hill tragen zu ihrem wichtigsten Accessoire - den rotgrauen Rauschebärten - Jacken mit Blumenmuster und funkelnden Strass-Steinen, graue Hüte und schwarze Sonnenbrillen. Gegen Ende kommen dann Gitarren mit Plüschpelzen zum Einsatz. Das bereits nach 80 Minuten die letzte Zugabe verklingt, finden nicht alle der 4000 Zuschauer lustig. Es ist noch taghell, als die Band die Bühne verlässt. Aber in Springsteen'schen Dimensionen haben sich ZZ Top bei ihren Live-Shows noch nie bewegt.  


Fotos und Text: Christian Düringer




Setlist von ZZ Top in Hamburg

Got Me Under Pressure

Waitin' for the Bus

Jesus Just Left Chicago

Gimme All Your Lovin'

Pincushion

I Gotsta Get Paid

Flyin' High

Heartache in Blue

Certified Blues

Foxy Lady (The Jimi Hendrix Experience cover)

My Head's in Mississippi

Chartreuse

Sharp Dressed Man

Legs

Encore:

Tube Snake Boogie

La Grange/Sloppy Drunk Jam

Tush

Jailhouse Rock (Elvis Presley cover)