Vor Ort in der Wiege der Beatniks: Der City Lights Bookstore in San Francisco wird 60

And the Beat goes on...

Von Christian Düringer

Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs - Die Beat Generation fand hier ihre Heimat: 1953 gründete Lawrence Ferlinghetti den City Lights Bookstore in San Francisco. Kaum ein Reiseführer will seine Leser nicht hier her locken. Wir waren zum Jubiläum vor Ort, um festzustellen, dass der Laden auch heute noch mehr als nur Folklore für Touristen zu bieten hat.

Das Obergeschoss gehört im City Lights immer noch den Beatniks (Foto: Christian Düringer)
Das Obergeschoss gehört im City Lights immer noch den Beatniks (Foto: Christian Düringer)

Mary sitzt in einem verranzten Sessel am Fenster im Obergeschoss und hat sich fest gelesen. Eigentlich wollte die Studentin nur schnell ein Mitbringsel für ihren Freund auftreiben: Der ist zuhause in Seattle Musiker. Bob Dylans "Tarantula" von 1965 hielt sie deshalb für eine gute Idee aber nach einigen Seiten ist sie sich nicht mehr ganz so sicher. "Sehr bizarr", murmelt sie stirnrunzelnd ohne dabei ihren Blick von dem dünnen Band abzuwenden. Es ist Dylans einziger längerer Prosatext, der hier zwischen Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Neal Cassady in die alten, braunen Holzregale einsortiert ist. Der erste Stock gehört im City Lights Bookstore den Beatniks und ist das Herzstück eines Buchladens, der sechzig Jahre nach seiner Eröffnung längst zum Mythos geworden ist.

"The World's greatest bookshop"

Es gibt kaum noch einen Reiseführer für San Francisco, der seine Leser nicht hier her in die Columbus Avenue 261 lotsen will. Und einen großen Umweg muss man dafür auch nicht in Kauf nehmen. Der City Lights Bookstore liegt im Herzen der Stadt, unmittelbar eingerahmt zwischen China Town im Westen, der sich 260 Meter in den Himmel streckenden Transamerica Pyramyd im Süden und der San Francisco Bay im Osten. Der "Lonley Planet", die Bibel für Individualtouristen, listet das City Lights gar auf Platz eins der "World's greatest bookshops" und somit verwundert es nicht, dass sich der Laden vom Geheimtipp zum "Must-See" gemausert hat. Täglich tummelt sich hier inzwischen ein multinationales Publikum auf den drei engen Etagen, um ein wenig von jener Aufbruchstimmung zu spüren, die eine Gruppe junger Autoren Mitte der 50er Jahre an genau diesem Ort antrieb.

Seinen Laden benannte Ferlinghetti nach dem gleichnamigen Charly Chaplin-Film (Foto: Christian Düringer)
Seinen Laden benannte Ferlinghetti nach dem gleichnamigen Charly Chaplin-Film (Foto: Christian Düringer)

Inspiriert vom gleichnamigen Chaplin-Film eröffneten Peter D. Martin und Autor Lawrence Ferlinghetti den City Lights Bookstoren in 1953 als die erste Buchhandlung der USA, in der ausschließlich Taschenbücher angeboten wurden. Bereits ein Jahr später ging Martin zurück in seine Heimat New York und verkaufte seine Anteile an Ferlinghetti, der den Laden bis heute - mit 95 Jahren - leitet und ihn 1955 um den Verlag City Lights Publishers erweiterte. Sein eigenes Werk "Pictures of the Gone World" wurde das erste selbst verlegte Buch. Geschichte schreiben sollte aber im darauf folgenden Jahr ein anderes: "Howl and Other Poems", Band 4 aus der Reihe City Lights Pocket Poets geht bis heute immer noch wie geschnitten Brot über die Ladentheke. Vor allem für Reisende ist Allen Ginsbergs Debüt eine Art Beleg für die Legende, an der sie hier teilhaben wollen.

Die Beat Generation fällt in San Francisco ein

Dieser Legende nach trafen sich Mitte der vierziger Jahre eine kleine Gruppe junger Dichter und Poeten in New York City. Sie tranken und nahmen Drogen, trugen Schwarz, dazu Ziegenbärte und hörten Bebop. Sie formulierten für sich den wahnwitzigen Anspruch nicht weniger als eine neue Epoche der amerikanischen Literaturgeschichte einzuläuten, bevor sie bis dahin kaum etwas Vorzeigbares zu Papier gebracht hatten aber sie sahen sich schon als Erben der Lost Generation um Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway. Ihr unkonventioneller und chaotischer Lebensstil spiegelte sich von Beginn an in Form autobiografischer Verweise in ihren Werken, die ähnlich atemlos, improvisiert und explizit sexuell waren. Als literarische Subkultur inszenierte man sich ganz bewusst als Gegenpol zur prüden amerikanische Nachkriegsgesellschaft.

Der Posterboy der Beat Generation: Jack Karouac 1956 (Foto: Tom Palumbo)
Der Posterboy der Beat Generation: Jack Karouac 1956 (Foto: Tom Palumbo)

1948 verwendete Jack Karouac erstmals den Begriff "Beat Generation" für das Kollektiv, deren Vertreter eine wahre Odyssee durchmachten, bevor sie an der Westküste angespült wurden. Jack Kerouac fuhr mit Neal Cassady kreuz und quer durch die USA und schrieb unterwegs mit dem furiosen "On the Road" das wohl bahnbrechendste Werk der Beat Generation, Allen Ginsberg geriet wegen seiner Homosexualität in psychiatrische Behandlung, William S. Burroughs floh wegen diverser Drogendelikte nach Mexiko, wurde zum Junkie und erschoss aus Versehen seine Frau, als er besoffen die Apfelszene aus Schillers Drama Wilhelm Tell nachstellte. Zudem begehrte er Ginsberg mehr als dieser ihn und verschwand nach Südamerika, Europa und Marokko. Ginsberg begehrte hingegen Neal Cassady, der sich inzwischen mit seiner Familie nördlich von San Francisco niedergelassen hatte. Er begann eine Affäre mit Cassady, der wiederum gleichzeitig eine Dreiecksbeziehung mit seiner Frau Carolyn und Jack Kerouac auslebte. 

Nach der Six Gallery reading ist Ferlinghetti überzeugt

Ferlinghetti 2012 in San Francisco (Foto: Christopher Michel)
Ferlinghetti 2012 in San Francisco (Foto: Christopher Michel)

In San Francisco angekommen, bot Ginsberg seine Gedichte Lawrence Ferlinghetti an, der zunächst dankend ablehnte. Er begleitete Ginsberg aber zu einer Lesung in der Six Gallery in der Fillmore Street. Gegen 23 Uhr am 7. Oktober 1955 begann Ginsberg dort sein Langgedichts "Howl" als scheinbar spontanen Gefühlsausbruch erscheinende Performance vorzutragen, angefeuert von den ebenfalls anwesenden Jack Kerouac und Neal Cassady. Ein emotional aufgeladener, aggressiver, obszöner und politischer Text, mit autobiografischen Versatzstücken angereichert und wie eine Free-Jazz-Improvisation inszeniert, ohne tradierten Rhythmen oder einem klassischen Versmaß zu folgen. Anschließend war nicht nur Organisator Kenneth Rexroth, selbst Dichter uns seines Zeichens eine Art Vaterfigur für die hiesige Szene, begeistert. Auch Ferlinghetti war überzeugt und schickte Ginsberg am nächsten Tag ein Telegramm: "Ich grüße Sie am Beginn einer grandiosen Karriere. Wann bekomme ich das Manuskript?"

Howl erscheint bei City Lights und sorgt für einen Eklat

"Howl and Other Poems" erschien im Herbst 1956 als Nummer vier der Pocket Poem Serie bei City Lights und schlug ein wie eine Bombe. Die angestrebte Neuordnung der amerikanischen Literaturlandschaft schien Realität zu werden. Nicht ganz unschuldig am Hype war der Eklat, den "Howl" schon kurz nach seiner Veröffentlichung auf nationaler Ebene provozierte. Anfang 1957 beschlagnahmte die Polizei 520 Exemplare des dünnen Bandes und gegen Ferlinghetti und Ginsberg wurde Anklage wegen Verbreitung von pornografischer Schriften erhoben. Ferlinghetti erfuhr breite Unterstützung von Autoren und Literaturverbänden und nach der Anhörung führender Literaturwissenschaftler ließ das Gericht die Anklage schließlich fallen und schrieb dem Gedicht eine "herausragende gesellschaftliche Bedeutung" zu. Ginsberg und Ferlinghetti waren nicht nur rehabilitiert, der City Light Bookstore war fortan über die Landesgrenzen hinaus berühmt, Ginsberg war ein Star und die "Beatniks" (eine aus "Beat Generation" und dem damals top modernen Sowjet-Satelliten "Sputnik" kreierte Wortschöpfung von Zeitungskolumnist Herb Caen) wurden zur ersten Jugendbewegung im Amerika der Nachkriegszeit.

Der City Lights Bookstore heute

Zurück zu Mary. Sie hat sich doch für Dylans "Tarantula" entschieden und schlurft gemächlich über die steile Holztreppe zurück nach unten. Dabei schaut sie sich die zahlreichen Fotos und Bilder an den Wänden an.  Der junge Jack Kerouac ist hier vor einem Auto zu sehen, ganz so, wie man ihn sich vorstellt, wenn man "On the Road" gelesen hat. Ginsberg posiert mit Dylan in der kleinen Gassen zwischen dem City Lights und dem legendären Vesuvio Cafe, das ebenfalls Anlaufpunkt der Beatniks war und gegenüber immer noch fast unverändert existiert. "Beat Generation" prangt auf großen Schildern und auf den Treppenstufen. Darüber hängt ein Portrait von Lawrence Ferlinghetti. Daneben steht in großen Lettern: "Books not Bombs".  Unten rechts neben der Treppe steht eine Kiste mit Literaturzeitschriften, selbst kopierte Samisdats und eine "Sammlung von Post-Punk-Pornografie.

Memorabilia im Treppenhaus. Überall im im City Lights kann man den Geist der Vergangenheit atmen.  (Foto: Christian Düringer)
Memorabilia im Treppenhaus. Überall im im City Lights kann man den Geist der Vergangenheit atmen. (Foto: Christian Düringer)

 Im Erdgeschoss bahnt sich Mary ihren Weg zum Ausgang. Vorbei an Kunden, Touristen, die schön alle brav ihre "Howl"-Ausgabe in der Hand haben, und abgewetzten Holzregalen voller Bücher. Aktuelle Bestseller sucht man auch hier nach wie vor vergebens. Dafür gibt es Poesie, Lyrik, politische Literatur und Reiseführer. An der Kasse kommt Mary mit dem Verkäufer Paul ist Gespräch, der schon seit den 70ern hier arbeitet und daher auch Ferlinghetti gut kennt. Offiziell sei der der 95-Jährige längst im Ruhestand, erzählt Paul, er käme aber immer noch regelmäßig vorbei und mische kräftig mit.

 

Bevor Mary sich verabschiedet, wirft sie noch einen Blick in den düsteren Keller. Hier trafen sich seinerzeit die Autoren und ihr Publikum zu Sit-Ins und auch heute finden hier noch regelmäßig Lesungen statt. "I AM THE DOOR", steht in groß an einer Tür. Das Haus, erklärt Paul, sei früher ein Versammlungsort der Quäker gewesen. Das "Ich" stehe für den Herrn, der die Tür zur Seligkeit verkörpere. Als Mary endgültig gehen will, drängen sich gerade ein paar Neo-Folkies im Teenageralter an ihr vorbei in den Laden. The beat goes on im City Lights.  



Vesuvio Cafe

Wenn man den City Lights Bookstore erkundet, sollte man unbedingt auch noch dem Vesuvio Cafe nebenan an der Columbus Ecke Jack Kerouac Alley (bis 1988 "Adler") einen Besuch abstatten. Die 1948 von Henri Lenoir gegründete Bar war so etwas wie das Wohnzimmer der Beatniks und Anlaufstelle zahlreicher Literatur-, Film- und Pop-Größen.

 

So gingen hier etwa Francis Ford Coppola, Dylan Thomas, Jack Kerouac, Lawrence Ferlinghetti und Neal Cassady ein und aus und Fotografen-Legende Larry Keenan organisierte vor der Tür ein Shooting mit Bob Dylan, Allen Ginsberg und Michael McClure für Dylans Klassiker BLONDE ON BLONDE (verwendet wurden die Fotos aber erst für Dylans Bootleg Serie Vol. 4: LIVE 1966). Das Vesuvio hat täglich bis 2 Uhr geöffnet.