Eingang von Harry's Bar in Venedig (Foto: Christian Düringer)
Eingang von Harry's Bar in Venedig (Foto: Christian Düringer)

Zu Besuch in einer venezianischen Institution

Ein Bellini auf Hemingway in Harry's Bar

Von Christian Düringer

Harry's Bar ist ein Mythos. Nicht nur in Venedig. Gegründet 1931 von Giuseppe Cipriani, benannt nach seinem Freund und Unterstützer Harry Pickering, war die Bar sofort eine Erfolgsgeschichte. Hier wurde der Bellini und das Carpaccio erfunden und seit  Jahrzehnten gehen hier Weltstars ein und aus. Seit 2001 ist sie offiziell nationales Denkmal Italiens und längst eine der berühmtesten Bars weltweit.

Eingang zu Harry's Bar in Venedig (Foto: Christian Düringer)
Eingang zu Harry's Bar in Venedig (Foto: Christian Düringer)

"Dann zog er die Tür von Harry's Bar auf und war drinnen, und er hatte es mal wieder geschafft und war zu Hause." Zeilen wie diese aus Hemingways 1950 erschienenem Roman "Über den Fluss und in die Wälder" befeuern bis heute ungebrochen einen Mythos. An besagter Tür zur eher unscheinbaren Nummer 1323 am Ende der Calle Vallaresso stolpere ich zunächst allerdings vorbei. Zu spektakulär stiehlt ihr der unmittelbar angrenzende Ausblick über den mündenden Canal Grande die Aufmerksamkeit. Zudem kommt man hier ganz ohne penetrante Fassadenschriftzüge und ködernde Schilder aus. Lediglich die wenigen dezenten, dafür in Gold gehaltenen Lettern auf dem Glas an Tür und  Fenstern geben Hinweis darauf, dass man sich vor einer der berühmtesten Bars der Welt befindet - vor Harry's Bar. 

 

Harry's Bar ist eine Institution. Nicht nur in Venedig. 2001 wurde sie samt Interieur vom italienischen Kulturministerium zum nationalen Denkmal geadelt. Wenig verwunderlich also, dass man sich beim Betreten des nur etwa 50 Quadratmeter großen Raums zurück in vergangene Dekaden versetzt fühlt. Gründer Giuseppe Cipriani designte die Einrichtung vor der Eröffnung in der einstmaligen Lagerhalle 1931 selbst und so ist sie ganz bewusst erhalten geblieben. 

 

Der spartanische Barraum ist niedrig und bietet kaum Platz für die etwa ein Dutzend Tische. Die glänzen, genau wie der Tresen und das übrige Mobiliar, mit ihrem polierten rotbraunen Holz wie die schippernden Rivaboote im Canal Grande vor der Tür. Den bekommt man wegen der tiefliegenden Fenster aber kaum zu Gesicht. Für die Postkarten-Ansicht inklusive staksender Gondolieri kann man aber einfach in den Restaurant-Bereich ins obere Stockwerk wechseln oder man begnügt sich mit den Panoramen, die an den gelbstichigen Wänden hängen.

Die Diskrepanz zwischen Understatement und Luxus irritiert Tagestouristen

Blick von Harry's Bar aus über den Canal Grande auf die Kirche Santa Maria della Salute (Foto: Christian Düringer)
Blick von Harry's Bar aus über den Canal Grande auf die Kirche Santa Maria della Salute (Foto: Christian Düringer)

Wer nach einem flüchtigen Blick in den Reiseführer eine zeitgemäß-hippe Jetset-Adresse erwartet, wird also enttäuscht. Die Diskrepanz zwischen Understatement einerseits und Luxus andererseits könnte kaum größer sein. Und sie ist gewollt. Die Kellner servieren die hochpreisigen Drinks und Gerichte in weißen Sakkos und schwarzer Fliege. Vor allem der berühmte Bellini fließt hier in Strömen, schließlich hatte Giuseppe Cipriani den heute weltweit verbreiteten Cocktail aus frischem Pfirsichmark und Champagner 1948 anlässlich einer Ausstellung des venezianischen Renaissance-Malers Giovanni Bellini genau hier erfunden. 

 

Ausgeschenkt bekommt man ihn allerdings traditionell in schlichten und winzigen Gläsern, die man woanders wohl nur für Wasser verwenden würde. "Das ist Teil des Konzepts", sagt Arrigo Cipriani, der die Bar 1957 von seinem Vater übernahm. Der inzwischen 85-jährige mag es simpel, aber mit Stil: "Es geht hier um die Freiheit.  Alles ist so eingerichtet, dass die Gäste ihre Drinks und das Essen genießen können, ohne davon abgelenkt zu werden. Wir servieren auf runden Tellern und nicht auf diesen neumodischen langen Platten oder in übergroßen Schüsseln. Unsere Gläser sind klein, aber stilvoll."

 

Auch auf dem eng gesteckten Programm von Tagestouristen, die vor allem von den riesigen Kreuzfahrtschiffen aus täglich wie Heuschrecken in die Stadt einfallen, steht nicht selten Harry's Bar, unweit des Markusplatzes. Doch wer sich schon vergeblich bemüht in nur wenigen Stunden den Geist Venedigs zu entdecken, wird auch beim Versuch scheitern, in ein paar Minuten und einem hektischen Drink die Aura dieser Bar zu begreifen. Das Internet liefert heute unzählige Zeugnisse davon, wie irritierte Gäste sich hier im falschen Film wähnen. Zeit, Geld, kulinarisches Interesse und vor allem eine Affinität zur Story dieses Ladens muss man schon mitbringen, um sich hinterher nicht über die knapp zwanzig Euro für einen Bellini (0,1 l) oder die 300 für das Dinner zu zweit in einem vermeintlich angestaubten Ambiente beschweren zu müssen. 

 

Natürlich ist auch den Ciprianis das veränderte Reiseverhalten der Touristen nicht entgangen. "Als ich klein war", erinnert sich Arrigos Tochter Giovanna Cipriani in einem Interview, "gab es Familien, die sich für einen Monat ins Hotel meines Vaters einquartierten. Heute bleiben die meisten Leute kaum einen Tag lang in Venedig." 

In Harry's Bar versucht man dem so gut es geht zu trotzen. Wer ohne zu grüßen in kurzen Hosen und Flip-Flops hinein flaniert, wird auch gleich wieder höflich heraus komplimentiert. Andererseits profitiert man auch von der Popularität. Die Caprianis haben längst expandiert und betreiben luxuriöse Ableger von Harry's Bar in zehn Metropolen weltweit von Abu Dhabi bis New York - dort allerdings unter ihrem eigenen Namen.

Humphrey Bogart kam mit Lauren Bacall, Orson Welles kam zum Trinken und George Clooney frönt hier seiner Venedig-Leidenschaft

Die Begeisterung für Harry's Bar, die Hemingway im Buch seinem todgeweihten Protagonisten, einem den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges entronnenen Colonel, zuschreibt, war eigentlich seine eigene. Im Winter 1948/49 verbrachte der spätere Nobelpreisträger ein halbes Jahr in der Lagunenstadt und nicht nur die Verweise auf Harry's Bar lassen auf autobiografische Parallelen schließen. Und Hemingway war nur einer von vielen Weltstars, die hier in jeder Dekade bis heute ein- und ausgehen. 

 

Vor allem die Biennale zieht sie an. Die Filmfestspiele hier sind so alt wie die Bar selbst. Humphrey Bogart kam mit Lauren Bacall, Charly Chaplin war hier und legendär sind bis heute die Geschichten, die sich um die Besuche des trinkfesten Orson Welles ranken.  Die Liste an illusteren Gästen ließe sich beliebig fortsetzten: Alfred Hitchcock, Woody Allen, Truman Capote oder in jüngerer Vergangenheit George Clooney, der hier seiner Leidenschaft für Venedig frönt, oder Naomi Campbell, die in einem 2015 erschienen Dokumentarfilm über Harry's Bar in höchsten Tönen von den Ciprianis schwärmt. 

"Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der nach einer Bar benannt wurde."

Ein Barkeeper mixt einen Bellini. Der Cocktail wurde hier erfunden. (Foto: DM Parody)
Ein Barkeeper mixt einen Bellini. Der Cocktail wurde hier erfunden. (Foto: DM Parody)

Aber auch ganz ohne die Jetset-Legenden, wäre die Entstehungsgeschichte von Harry's Bar filmreif. Der Legende nach heuerte Giuseppe Cipriani  Ender der zwanziger Jahre als Barmann im renommierten Hotel Europa in Venedig an.  Dort lernte er kurz darauf den Amerikaner Harry Pickering kennen, der mit seiner Tante und deren Gigolo im Hotel eingecheckt hatte. Eines Abends bemerkte Giuseppe, wie sich Pickering mit der Tante zerstritt, und bot ihm zum Trost einen Drink an der Bar an. Doch Pickering winkte ab, er habe kein Geld mehr. Nicht einmal für die Rückfahrt mit dem Schiff in die USA reiche es. Giuseppe hielt den Amerikaner für einen ehrlichen Mann, also streckte er ihm kurzerhand ein billiges Ticket vor. 

 

Anschließend vergingen zunächst Wochen, dann Monate, ohne dass er etwas von Pickering hören sollte. Erst an einem kalten Februarmorgen des Jahres 1930 tauchte Pickering plötzlich wieder auf. Er beglich nicht nur seine Schulden, sondern legte, mit dem Vorschlag gemeinsam eine Bar zu eröffnen, noch ordentlich was drauf. Giuseppe nahm an und benannte nicht nur die Bar nach Harry Pickering. "Als ich ein Jahr später geboren wurde, wählten meine Eltern für mich denselben Namen, nur auf italienisch", erzählte Arrigo Cipriani vor Kurzem. "Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der nach einer Bar benannt wurde."  

Mit der Erfindung des Bellini und des Carpaccios verewigte sich Giuseppe Cipriani

Neben dem Bellini erfand Cipriani 1950 auch das Carpaccio in Harry's Bar. Die heute von keiner italienischen Speisekarte mehr wegzudenkende Vorspeise  entstand mehr oder weniger zufällig im aktuellen Tagesgeschäft. Als Stammkundin Contessa Amalia Nani Mocenigo von ihrem Arzt der Verzehr von gegartem Fleisch verboten wurde, kreierte Cipriani spontan das Gericht aus hauchdünn geschnittenen Scheiben roher Rinderlende, das er mit Gewürzen und seiner hausgemachten und bereits beliebten Sauce auf Mayonnaise-Basis verfeinerte. Anschließend benannte er seine Kreation nach dem venezianischen Maler Vittore Carpaccio, der für seine leuchtenden Rot-/Weißtöne bekannt war und dem zufällig zeitgleich eine Ausstellung in der Stadt gewidmet wurde.

 

Ich bestelle mir einen Bellini, dann noch einen zweiten. Es macht Spaß die Leute und den Barkeeper beim Mixen der Cocktails zu beobachten und die anachronistische Atmosphäre zu genießen. Musik läuft hier keine. Die Musik in Harry's Bar sei das Geplauder der Gäste, wie es Arrigo Cipriani einmal so schön selbst formulierte. Und wenn man lange genug sitzen bleibt, erlebt man auch den von Hemingway beschriebenen Gezeitenwechsel des Publikums: " Es gab Stunden bei Harry, wenn sich die Bar mit derselben brausenden Regelmäßigkeit, mit der die Flut beim Mont St. Michel eintritt, mit Leuten füllte, die man kannte." Bei Hemingway vertreibt die Flut alter Bekannter die Vormittagstrinker. Heute vertreiben, wie in ganz Venedig, die Touristen die Alteingesessenen. Doch es gibt sie noch, die Momente, wenn sich die Touristenflut bei Harry weitgehend zurückgezogen hat und die Venezianer ihre Bar zurückerobern. 

 

Foto mit freundlicher Genehmigung: DM Parody (www.dotcom.gi/photos)