Unterwegs an den Drehorten von "Sideways" in Kalifornien

"I am not drinking any fucking Merlot!"

Von Christian Düringer

2004 wurde SIDEWAYS zum Kinohit für Leute mit feinem Gaumen. Neben einem Oscar hagelte es Preise für den Film und Touristen für die ganze Region, die die heimliche Hauptrolle spielte. Um die Weintour von Jack und Miles selbst zu erleben, reiste ich ins kalifornische Santa Ynez Valley.

Nur die Tische stehen nicht mehr vor der langen Regalwand, in der hunderte Flachen Wein in dreieckigen Fächern lagern und die sich durch das ganze Restaurant zieht. Ich nehme an der Bar gegenüber platz und habe auch so noch nach inzwischen schon zehn Jahren unmittelbar das Gefühl, dem brisanten Doppel-Rendezvous von Jack, Stephanie, Maja und Miles als Tischnachbar beizuwohnen. 

 

Wir befinden uns im "Los Olivos Wine Merchant & Cafe" im Herzen des Santa Ynez Valley, 50 Meilen nord-westlich von Santa Barbara. Nach dem noch weiter nördlich gelegenen Napa Valley ist es unter betuchteren Touristen mit feinem Gaumen das beliebteste Reiseziel Kaliforniens. Edle Restaurants aber natürlich vor allem der Wein zieht Menschen aus der ganzen Welt an. Das eher überschaubare Valley, das gerade einmal fünf kleine Orte mit zusammen ca. 20.000 Einwohnern zählt, bringt es auf über 70 Weinkellereien. 

An der Ecke des "Los Olivos" kommt es zu Miles' legendärem Wutausbruch: "I am not drinking any fucking Merlot!"
An der Ecke des "Los Olivos" kommt es zu Miles' legendärem Wutausbruch: "I am not drinking any fucking Merlot!"

Merlot steht für Miles nicht zur Disposition

Nur logisch also, dass Regisseur Alexander Payne es 2004 auch seinen Charakter Miles Raymond (Paul Giamatti) für seinen später oscarprämierten Film SIDEWAYS hier her ziehen ließ. Miles ist ein glückloser, sich selbst bemitleidender und von Liebeskummer zerfressener Highschool-Lehrer, der sich als verkannten Schriftsteller sieht und nur von seiner Leidenschaft für Wein wirklich Ahnung hat. Für Jack, seinen alten Kumpel vom College, organisiert er als Junggesellenabschied eine kulinarische Woche im Valley. Während der lethargische Miles jedoch über seine lang zurückliegende Scheidung Trübsal bläst, hat der abgehalfterte Fernsehdarsteller Jack (Thomas Haden Church) vor seiner Hochzeit nur eines im Sinn, er will noch ein sexuelles Abenteuer vor der Ehe. Mindestens eins. 

 

Es ist das "Los Olivos Wine Merchant & Cafe", in dem die Dinge im Film ihren Lauf nehmen. An der Ecke vor der dicht bewachsenen Veranda spielt eine der schönsten Szenen. Vor besagtem Date nimmt sich Jack hier Miles zur Brust. Keinesfalls will er wegen Miles' Launen eine Szene riskieren, die seine Chancen bei Stephanie verschlechtern könnte. Ein Risiko ist Miles' Abneigung gegenüber Merlot. Jack muss ihn also noch auf Kurs bringen: "Do not sabotage me. If they want to drink Merlot, we're drinking Merlot." Jack selbst hat keinen blassen Dunst von Wein. Den Fachkenntnissen seines Freundes begegnet er abwechselnd mit Ehrfurcht oder Spott. Im Falle des Merlots unterschätzt er daher, dass Miles hier bereit ist bis zum Äußersten zu gehen: "No, if anyone orders Merlot, I'm leaving. I am NOT drinking any fucking Merlot!", keift Miles lautstark zurück. Merlot steht nicht zur Disposition. 

Vor Siedways war vor allem Michael Jacksons Neverland-Ranch die Attraktion der Region

Bei dem üppigen Angebot aus der Region, ist aber zum Glück ohnehin niemand auf Merlot angewiesen. Auf der Weinkarte zähle ich über 500 Qualitätsweine. Für dieses exquisite Angebot wurde das "Los Olivos Merchant & Cafe" 2012 vom renommierten Magazin "Wine Spectator" als bestes Wein Restaurant ausgezeichnet. 

Nur die Tische stehen anders im Los Olivos Merchant & Cafe. Ansonsten ist man gleich mitten im Film.
Nur die Tische stehen anders im Los Olivos Merchant & Cafe. Ansonsten ist man gleich mitten im Film.

Ich bestelle einen lokalen Sangiovese und frage den Barkeeper, wie präsent SIDEWAYS hier nach all den Jahren noch ist? "People from all over the world associate the valley with the movie", nickt er. Vor ein paar Jahren seien es zwar noch ein paar mehr gewesen, aber den Ruf als landschaftlich reizvolle Wein-Hochburg habe der Film auf jeden Fall nachhaltig gefestigt. Im Restaurant selbst zeugen noch gerahmte Presseartikel vom Dreh. Dezent hängen sie im hinteren Bereich vor den Restrooms, wo Miles im Film betrunken mit seiner Ex telefoniert. Und über dem Pissoir auf der Herrentoilette prangt stolz ein Filmplakat auf Augenhöhe.

Von Los Olivos breche ich zur nächsten Station auf. Die kleine Siedlung ist schnell durchquert. An der Ecke Figueroa Mountain Road/San Marcos Pass Road biege ich nach links Richtung Buellton ab. Geradeaus wäre nach sieben Meilen Michael Jacksons verwaiste Neverland Ranch gelegen, die vermutlich nach wie vor die größte Berühmtheit der Gegend ist.

"Es war eine Freude mit Ihnen zu arbeiten."

Nach zehn Minuten erreiche ich bereits Buellton und schon von weitem leuchtet mir das markante gelbe Schild vom "The Hitching Post II" entgegen. Ähnlich wie im "Los Olivos Merchant & Cafe" dreht sich hier neben dem guten Essen alles um Wein. Und auch hier berichtet man noch gerne von den drei Tagen damals im Herbst 2003, als das Filmteam ins "Hitching Post" kam.

Wie Miles und Jack laufe ich ein Stück die Straße entlang zum Hitching Post II
Wie Miles und Jack laufe ich ein Stück die Straße entlang zum Hitching Post II

"Wir hatten gehört, dass Filmemacher aus Hollywood oft einfach irgendwo einfallen und wir alle nur im Weg sein könnten. Stattdessen war jeder im Team rücksichtsvoll und es war eine Freude mit ihnen zu arbeiten", erzählt Besitzer Frank Ostini. Im Film gehen Miles und Jack hier am Abend ihrer Ankunft essen und stoßen auf Maya, die im "Hitching Post" als Kellnerin arbeitet. Jack unternimmt prompt den ersten Verkupplungsversuch. Maya-Darstellerin Virginia Madsen besuchte das Hitching Post bereits ein paar Wochen vor Drehbeginn und verbrachte Zeit in der Küche und an der Bar, um sich auf ihre Rolle vorzubereiten. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sandra Oh, die Jacks Flamme Stephanie verkörpert, bekam sie außerdem auf dem hauseigenen Weingut einen Crashkurs in Sachen Weinherstellung und -verarbeitung.

 

Anschließend fahre ich weiter nach Solvang, der "dänischen Hauptstadt von Amerika". Das Städtchen grenzt fast direkt an Buellton, getrennt durch ein paar Pferdekoppeln und eine Straußenfarm, die auch einen Auftritt im Film  hat, und verbunden durch eine von Nadelbäumen gesäumte Allee. Ich komme am "Days Inn" vorbei, im Film das "Windmill Motel", in dem Miles und Jack absteigen, und lande schließlich mitten im unwirklichen Solvang. 

Die dänische Hauptstadt Amerikas

Der Ort wurde von 1911 von einer Gruppe dänischer Pädagogen auf ehemaligem spanischem Missionsland gegründet und trägt seinen Spitznamen nicht ohne Grund. Solvang ist durchgängig in dänischem Fachwerkhausstil gehalten. Sein in dieser Region exotisches Erscheinungsbild macht Solvang, das selbst nur 5300 Einwohner zählt, so zum Hotspot für Touristen.

Solvang gilt als "Dänische Hauptstadt Amerikas". Im Film steigen Miles und Jack hier im Windmill Inn ab,
Solvang gilt als "Dänische Hauptstadt Amerikas". Im Film steigen Miles und Jack hier im Windmill Inn ab,

Es gibt neben der dänischen Architektur dänische Bäckereien, dänische Geschäfte, einen Hans Christian Andersen-Park und dänische Restaurants. Eines der bekanntesten ist das "Solvang Restaurant", das, wo sonst, am Copenhagen Drive liegt. Hier frühstücken Miles und Jack im Film und stellen fest, dass sie komplett unterschiedliche Vorstellungen von ihrem gemeinsamen Wochenende haben. Noch eine warme Mahlzeit mit Wein ist mir allerdings zu viel. Deshalb ziehe ich das Café "Danish Mill" mit seinen dänischen Backspezialitäten in der Nachbarschaft vor. 

Für Fans wird das Santa Ynez Valley wohl immer mit Sideways verwoben bleiben.

Egal wie sehr das Santa Ynez Valley in den letzten Jahren wirtschaftlich vom Erfolg des Filmes partizipieren konnte, Alexander Payne hat es so liebevoll und warm in Szene gesetzt, dass es zumindest für alle die es besuchen, nachdem sie den Film gesehen haben, auf immer und ewig mit ihm verwoben sein wird. Im positivsten Sinne. Wer durch die goldgelben Hügel fährt und die Hand dabei aus den offen Fenster im Fahrtwind auf und ab wiegen lässt, wird immer den lässigen Jazz-Soundtrack von Rolfe Kent im Ohr haben und mit einem Schmunzeln an die zunächst nicht wirklich sympathisch erscheinenden ungleichen Freunde denken, denen man ihre Fehler aber letztendlich gerne verziehen hat.



Alle wichtigen Drehorte von Sideways im Santa Ynez Valley im Überblick