Fotos oben: Christian Düringer, Screenshots unten: NBC Universal
Fotos oben: Christian Düringer, Screenshots unten: NBC Universal

20 Jahre Trainspotting

Verfolgungsjagd mit  Mark Renton

Von Christian Düringer

1996 kam Trainspotting in die Kinos. Regisseur Danny Boyle zeichnete nach der Buchvorlage von Irvine Welsh ein düsteres Bild von Leith. Wie ist heute die Stimmung in Edinburghs problematischem Stadtteil? Ich habe mich vor Ort zum Affen gemacht. 

"Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie." Mark Renton  (Ewan McGregor) flüchtet im Vollsprint mit seinen Kumpel Spud die noble Princess Street der schottischen Hauptstadt entlang und kommentiert aus dem Off mit seinem berühmten Monolog: "Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung." Der bollernde Rhythmus von Iggy Pops "Lust For Life" liefert den schweißtreibenden Soundtrack dazu.

Der cineastische Beitrag zu "Cool Britannia"

Alleine die Eröffnungssequenz von Trainspotting (siehe Ausschnitt unten) grub sich 1996 nachhaltig ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation ein. So wie sonst vielleicht nur noch der ein oder andere Oasis-Refrain dieser Tage. Regisseur Danny Boyle schuf quasi den cineastischen Beitrag zu "Cool Britannia", wie man den explosionsartigen Kreativitätsschub englischer Popkultur, der sich Mitte der 90er seinen Weg von der Insel in die Welt bahnte, so schön etikettierte. Der Soundtrack von Trainspotting mit Britpop von Blur, Pulp und Elastica und Underworlds ikonischer Trance-Nummer "Born Slippy" spiegelte jenen Zeitgeist so perfekt wieder, dass er zum Hit-Album wurde, dem man - losgelöst vom eigentlichen Film - sogar einen zweiten Teil spendierte. Ein Novum. Auch Iggy Pop enterte mit knapp 20-jähriger Verspätung die Charts. 

Junkie-Alltag ohne moralisierenden Zeigefinger

Poster mit Rentons Monolog
Poster mit Rentons Monolog

Mark Rentons Abgesang auf gesellschaftliche Konventionen war so etwas wie das einprägsame Gitarrenriff des Films. Über Jahre hinweg prangten seine Worte in großen Lettern von Postern in jeder zweiten Studenten-WG und natürlich kommen sie auch mir als erstes in den Sinn, als ich an der Princess Street aussteige. "Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden."

 

Ohne zu glorifizieren, aber vor allem auch ohne zu moralisieren, erzählte Boyle schonungslos die Geschichte der Junkies Mark, Spud und Sick Boy. Garniert mit jeder Menge schwarzem Humor, wie sich das für einen britischen Film gehört. Obwohl  die Story im trostlosen Drogenmilieu von Edinburghs Problembezirk Leith der frühen Neunziger Jahre angesiedelt ist, wurde fast ausschließlich im  benachbarten Glasgow gedreht. Bis auf jene erste Sequenz. 

Okay, es gibt elegantere Möglichkeiten sich mit dem Film auseinanderzusetzen, als gleich selbst die Princess Street bei vollem Publikumsverkehr hinunter zu hetzen und sich öffentlich zum Horst zu machen. Aber keine macht so viel Spaß.

Mark Renton-Gedächtnislauf über die Princess Street

Mein Mark Renton-Gedächtnislauf beginnt etwa in der Mitte der Shoppingmeile. Edinburghs Schloss hinter und der berühmte Calton Hill vor mir. Statt ergaunertem Diebesgut wie Renton, fällt mir lediglich das eigene Handy aus der Hosentasche, als ich - schwerfälliger als der junge Ewan McGregor - zum Sprint ansetze. Das schmälert den ohnehin limitierten Coolnessfaktor meiner Aktion noch mal ein wenig, aber egal. "Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in hunderten von Scheiß-Stoffen."

 

Am Ende der Princess Street biege ich links in die Leith Street ab und springe dann rechts die Treppe hinunter in die Calton Road, wo Mark von einem Auto angefahren wird und Spud weiter unter der Regent Bridge entlang flüchtet. Die Route macht tatsächlich Sinn und wurde im Film nicht wild zusammen geschustert. Verändert hat sich hier auf den ersten Blick wenig. Nur die verranzte Fußgängerbrücke aus Beton vom St. James Shopping Centre in das benachbarte Parkhaus ist durch einen schicken, futuristischen Neubau ersetzt worden. 

"Leith ist nicht mehr ganz so übel."

Zur Regeneration brauche ich anschließend dringend ein Bier. In Leith lande ich im favorisierten Pub meiner lokalen Begleitung, dem Tourmalet. Vermutlich wollte sie mir wegen des ungewöhnlich großen Angebots an deutschem Bier hier einen Gefallen tun. Noch ist nicht viel los. Kellnerin Maria hat Zeit zum plaudern: "Leith ist nicht mehr ganz so übel wie vor einigen Jahren", erzählt sie während sie zapft. Die zentrale Lage habe auch hier die Mieten anziehen lassen und ein anderes Publikum angelockt, aber von einem Nobelviertel sei man immer noch weit entfernt.

 

 

Dennoch: Auch vor Leith macht die Gentrifizierung nicht Halt. Vielleicht ist es aber eher eine Art Comeback, denn Leith war bis Mitte des 20. Jahrhunderts bereits eine relativ wohlhabende und eigenständige Hafenstadt, bevor der Niedergang kam: Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Drogen und die höchste Verbreitung von AIDS bei Kindern in ganz Großbritannien bildeten den Nährboden in den in Trainspotting skizzierten Lebensumständen. "Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben. Aber warum sollte ich das machen? Ich habe zum ja sagen nein gesagt. Die Gründe? Es gibt keine Gründe. Wer braucht Gründe, wenn man Heroin hat?"