Billys Zuhause im fiktiven Everington, das im realen Easington Colliery angesiedelt ist (Foto: Christian Düringer)
Billys Zuhause im fiktiven Everington, das im realen Easington Colliery angesiedelt ist (Foto: Christian Düringer)

"BALLET? Lads do football... or boxing... or wrestling. Not friggin' BALLET, Billy!"

Wo Billy Elliot tanzte

Vom Schrittmacher der Industrialisierung zur Geisterstadt

Easington Colliery in der Grafschaft Durham ist der weißeste Ort in England und Wales. Und vermutlich einer der trostlosesten.  Bis zum langsamen Niedergang der Kohleindustrie im Nordosten Englands in den 80er Jahren waren die Bergarbeitersiedlungen mit ihren Kohleminen die Schrittmacher der weltweiten Industriealisierung. Hier arbeiteten in der ersten Hälfte der 19. Jahrhunderts die ersten Dampfmaschinen und  fuhren die ersten Eisenbahnen.

  

Heute umweht Zechenstädte wie Easington Colliery der unfreiwillige Charme zwischen Geisterstadt und Freilichtmuseum. Die winzigen roten Backsteinreihenhäuser schmiegen sich scheinbar trostsuchend aneinander. Die meisten stehen leer. Der heftige Nordseewind lässt den Putz bröckeln und die hölzernen Hoftüren verlottern. Auf Wiesen zwischen den Blocks sammelt sich Unrat. Nur vereinzelt lassen parkende Autos auf etwas Leben hinter den Fenstern schließen. Wer konnte, hat die Stadt verlassen, zugezogen ist niemand und zurückgeblieben ist die Essenz der weißen "Working Class".  

 

Den Anfang vom Ende für den Kohlebergbau der Region war der in den frühen 1980er Jahre von Margaret Thatcher angestrebten Strukturwandel, der die Privatisierung der staatlichen Wirtschaft und die damit einhergehende Schließung zahlreicher ineffizient produzierender Zechen vorsah. Der Konflikt lief auf eine systematische Entmachtung der bis dahin sehr einflussreichen Gewerkschaften hinaus und spitze sich 1984/85 in einem ein Jahr andauernden Bergarbeiterstreik zu, der zum Teil zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Region führten und der Premierministerin den Ruf der "Eisernen Lady" einbrachte.

  

"Not friggin' Ballet.!" Der Sohn des Working Class Hero will tanzen  

In diesem Umfeld spielt "Billy Elliot - I will dance" aus dem Jahr 2000. Während des Bergarbeiterstreiks ist auch die Familie Elliot von der drohenden Schließung der Kohleminen betroffen. Sowohl der Witwer Jackie Elliot als auch sein Sohn Tony sind in den Minen beschäftigt. Um eine Schließung der Kohlenminen zu verhindern, streiken die Kumpel. Es kommt immer wieder zu Ausschreitungen zwischen den Streikenden, den arbeitswilligen Kollegen und der Polizei.

 

Während der Vater und der ältere Sohn im Streik sind, wird der jüngere Sohn Billy zum Boxunterricht geschickt. Billy fühlt sich dort allerdings sichtlich unwohl und gerät zufällig in die Ballettstunde von Mrs. Wilkinson. Billy stellt seine Leidenschaft fürs Tanzen fest und Wilkinson fördert sein Talent. Es kommt zum Eklat, als Billys Vater hinter das Geheimnis kommt.

 

"BALLET? Lads do football... or boxing... or wrestling. Not friggin' BALLET, Billy!" Diese fassungslose Ermahnung steht symbolisch für den Konflikt, der zwischen knochenhartem Arbeitskampf und purer Existenz heftig am Weltbild von Billys Vater nagt. Die Selbstverwirklichung des einen und die Selbstfindung des andere, sind die zentralen Themen des Films, der im fiktiven Everington spielt, Easington Colliery aber nicht nur im Namen aufgreift.

  

Wenige Tage vor Thatchers Tod vor Ort

Billys Heimatstadt wurde auch überwiegend in Easington und teilweise noch im benachbarten Dawdon gedreht. Zufällig wenige Tage vor Thatchers Tod sind wir dort unterwegs und stoßen auf misstrauische und frustrierte Menschen. Auf Menschen wie Billys Vater und seinen Bruder, die keinen Weg aus Easington gefunden haben, die sich von der Politik verraten fühlen und sich aus politischen Entscheidungen völlig ausgeklinkt haben.

  

"Ich habe keine Zeit mehr für Politiker", winkt der 56-jährige Tommy Evans ab. "Ich traue ihnen nicht. Ich war mein ganzes Leben lang überzeugter Labour, aber das ist vorbei. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Konservativen und Labour, Sie sind alle gleich." Laut Umfragen teilen eine menge Leute hier seine Ansichten. Sie sind verbittert über den Verlust einer so stolzen Kultur, die auf harte Arbeit gebaut war. Die Enge der Siedlungen verknüpfte einst eng das Arbeits- und das Privatleben. Familien standen hier Seite an Seite gegen alle Widrigkeiten ein und auch dieses Zusammengehörigkeitsgefühl verschwindet mit zunehmender Entvölkerung, auch wenn sich die Bevölkerungszahlen langsam stabilisieren. "Ich glaube," erzählt Evans weiter, "einen Ort wie diesen wird man nicht von seinen Wurzeln lösen können. Der Stolz in unser Erbe ist immer noch da und der Sinn für Gemeinschaft Werte ist sehr stark." Den Glaube in die Politik zu verlieren heißt nicht, den Glauben an sich lebst zu verlieren.

  

Viele Bewohner zeigen sich skeptisch über den gesellschaftlichen Wandel in England, beklagen zu starke Zuwanderung und machen dafür die hohe Arbeitslosigkeit unter ihren eigenen Kindern verantwortlich, auch wenn sie in Easington davon kaum etwas mitbekommen, denn hier gibt es so gut wie keine Zuwanderung.

 

Als ich beim Fotografieren einiger Gassen zufällig den Lastwagen eines Dachdeckers mit im Bild habe, stürmt der Fahrer auf mich zu und stellt mich zur Rede. Offensichtlich befürchtet er, bei der Schwarzarbeit erwischt zu werden. Mit Fotografen, die sich für Filmschauplätze interessieren, hat er nicht gerechnet.

  

Als am 8. April Maggie Thatcher stirbt, bin ich schon weiter in Edinburgh. In vielen Städten Großbritanniens finden sich hunderte Menschen zusammen, um den Tod der einstigen Premierministerin zu feiern. Der Hass ist über die Jahrzehnte nicht verflogen. Inmitten der urbanen schottischen Metropole bekommt man davon nicht viel mit. In Easington Colliery wird es nicht wenige gegeben haben, die Genugtuung empfunden haben.  Unter der Regierung Thatcher wurden 165 Bergwerke geschlossen, fast 230.000 Kumpel verloren ihre Arbeit.

Billy Elliot Filming Location by Christian Düringer
Mrs Wilkinson setzt Billy nach einer Tanzstunde in der Angus Street ab (Easington Colliery, County Durham)

Billy Elliot Filming Location by Christian Düringer
Angus Street mit Blick auf die Nordsee

Billy läuft tanzend die Straße hinauf in der Embleton Street (Dawdon, County Durham)
Billy läuft tanzend die Straße hinauf in der Embleton Street (Dawdon, County Durham)

Umfeld von Billys zuhause im fiktiven Everington (Easington Colliery)
Umfeld von Billys zuhause im fiktiven Everington (Easington Colliery)

Im Film organisieren die Arbeiter ihre Streiks in der heutigen Dawdon Miners’ Welfare Hall, Mount Stewart Street, Dawdon, County Durham
Im Film organisieren die Arbeiter ihre Streiks in der heutigen Dawdon Miners’ Welfare Hall, Mount Stewart Street, Dawdon, County Durham

Billys Bruder wird in der Anthony Street von der Polizei gejagt (Easington Colliery, County Durham)
Billys Bruder wird in der Anthony Street von der Polizei gejagt (Easington Colliery, County Durham)