First Aid Kit - The Lion's Roar

Die schwedischen Schwestern überraschen mit opulentem Sound und Americana

(VÖ: 01/2012, Wichita)
(VÖ: 01/2012, Wichita)

Es ist Sommer 2008, als die beiden Schwestern Johanna und Klara Söderberg ihre Version vom "Tiger Mountain Peasant Song" auf youtube veröffentlichen. Schüchtern lächeln die beiden Schwestern, die zu diesem Zeitpunkt gerade mal 15 und 17 Jahre alt sind, aus einem Wald ihrer schwedischen Heimat in die Kamera: "This is for you, Fleet Foxes. A little gift from us.", kündigt Klara verlegen an, bevor sie selbstversunken die ersten Takte auf ihrer Gitarre anschlägt. Die amerikanische Folk-Band hat selbst gerade erst ihren Durchbruch geschafft, doch es soll auch der Startschuss der Söderbergs werden. Ihr unbekümmerter Harmoniegesang wird zur Internet-Sensation und lässt in kurzer Zeit Millionen Menschen weltweit dahinschmelzen. Fortan werden sie von großen Namen wie Jack White, Bright Eyes Mastermind Conor Oberst, den Felice Brothers und der schwedischen Sängerin Lykke-Li hofiert. Sie nehmen einige Singles und ihr Anfang 2010 erschienenes Debütalbum "The Big Black & The Blue" auf und rühren im Mai 2011 bei der Verleihung des Polar Music Prize in Stockholm mit ihrer Interpretation von "Dancing Barefoot" die große Patti Smith zu Tränen. Nun steht ihre neue LP THE LION'S ROAR in den Läden. Die hochgelegte Messlatte überspringen First Aid Kit darauf mit beeindruckender Leichtigkeit.


Auf ihrem zweiten Album profitieren die Schwestern von jenen Erfahrungen und Kontakten der letzten Jahre. Aufgenommen wurde in Omaha, Nebraska von niemand geringerem als Mike Mogis, Mitglied von Bright Eyes und so etwas wie der Hausproduzent des dort ansässigen Prestige-Labels Saddle Creek. Dessen Einfluss und die Unterstützung zahlreicher weiterer Musiker aus dem Saddle Creek-Lager wird schnell spürbar. Behutsam baut Mogis weitläufige und vielschichtig instrumentierte Klanglandschaften um die Gesangsharmonien der beiden Schwestern und ist dabei clever genug, den puristisch-introvertierten Charme früherer Tage nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren.


Verweisen die Nordic Folk-Anleihen im titelgebenden Opener noch deutlich auf die Herkunft der beiden Stockholmerinnen, überrascht schon das fantastische "Emmylou" mit ungewohnt deutlichem Country-Outfit: "I'll be your Emmylou and I'll be your June and you'll be my Gram and my Johnny too", verbeugen sie sich zur Pedal Steel vor ihren Vorbildern Emmylou Harris und June Carter Cash und loten dabei die neuen musikalischen Möglichkeiten so überzeugend aus, als hätte sie nie was anderes im Sinn gehabt. Im dazugehörigen Videoclip beschwören die beiden eine mysteriös rauchenden Kiste am Cap Rock im kalifornischen Joshua Tree National Park. Der andächtige Kniefall der beiden Schwestern ist vermutlich die schönste und herzzerreißendste Hommage, die Americana-Ikone Gram Parsons je zuteil wurde. Dessen sterblichen Überreste wurden einst an genau jener Stelle auf seinen eigenen letzten Wunsch hin von seinem Freund und Manager verbrannt. Gedreht wurde an Parsons Geburtstag. "The song is a tribute to some of our favorite country musicians. It’s about the power of singing together with someone you love."


Während die breitgefächerten Arrangements einer kompletten Band die Stimmen der Söderbergs in ganz neuem Glanz erstrahlen lassen, tun ein gereiftes Songwriting und die zahlreichen Gastmusiker ihr übriges. Bei "Blue" erklingt ein Glockenspiel, "To A Poet" überzeugt mit dem Einsatz von Streichern und Piano. Papa Bent Söderberg greift selbst auf fast jedem Track zum Bass, um seine Töchter zu begleiten. Alles zu seiner Zeit, alles an den richtigen Stellen und immer songdienlich inszeniert, nie überfrachtend. Zum großen Finale "King Of The World" steigen die Felice Brothers dann furios mit ein, standesgemäß mit Schifferklavier, Fidel, und Mariachi-Trompeten zum fröhlichen Handclapping-Rythmus. Auch wenn das Konzept von THE LION’S ROAR hinsichtlich früherer Aufnahmen zunächst überrascht, aufkeimende Skepsis verflüchtigt sich schnell. Manch einer wird sich das entrückte, auf Gesang und Gitarre reduzierte Duo aus den schwedischen Wäldern zurück wünschen, doch letztendlich tun der opulente Sound und die neuen musikalischen Referenzen First Aid Kit gut, weil sie neue Möglichkeiten entstehen lassen und Weiterentwicklung bedeuten. Bei den letzten Strophen gesellt sich dann endlich auch Conor Oberst dazu, auf den man in dieser illusteren Runde förmlich gewartet hat: "I'm nobody's baby, I'm everbody's girl, I'm the queen of nothing, I'm the king of the world.", singen sie zusammen und fast ist es so, als hätten Johanna und Klara ihren männlichen Gefährten an ihrer Seite gefunden. Ganz wie einst June und Johnny oder eben Emmylou und Gram. Groß! ★★★1/2

 

Info zum Vinyl

180g Vinyl mit hübschem Foldoutcover, Innersleeve kommt bedruckt und enthält sämtliche Texte des Albums, der LP liegt ein Downloadcode bei